Newsletter Februar

Wissenschaft und Spiritualität bei Tattva Viveka – Meditative Methoden in der Pflanzenzüchtung – Hinweise auf ähnliche Forschungen und ein Buch von Christoph Hueck – Tagesseminare mit Andrew Cohen, Annette Kaiser und Arthur Zajonc – Arthur Zajonc in Bologna – Zum Schluss: Karlfried Graf Dürckheim. Von Anna-Katharina Dehmelt und Terje Sparby ———–

Als Steiner in den Trennungskonflikten mit der Theosophischen Gesellschaft vor hundert Jahren zur Jahreswende 1912/13 die Anthroposophische Gesellschaft gründete, war ein Grund für die Benennung der neuen Gesellschaft als ‚Anthroposophische’ ihr Ausgangspunkt in der unmittelbaren menschlichen Erfahrung. Jeder Mensch sollte zum Erforscher des Geistigen in der Welt werden können – nicht einer jenseitigen Geistigkeit, sondern des in der Welt und im Menschen wirksamen Geistes. Der ganze Schulungsweg der Anthroposophie ist darauf angelegt, in der Meditation zur Aufdeckung und Erfahrung geistiger Wirksamkeit in der Welt zu kommen. Die das Äußere der Welt erforschende Naturwissenschaft dient dabei als Widerlager, nicht als Opponent. Anthroposophie steigt gerade an den Stellen ein, an denen die Naturwissenschaft an ihre Grenzen kommt: wie ist das Verhältnis zwischen Geist und Materie, zwischen Bewußtsein und Gehirn? Wenn die Gene alleine nicht in der Lage sind, das Geschehen zu bestimmen, was ist es dann? Wie gestaltet sich das Lebendige zur Selbstorganisation? Was lässt sich aus der Erfahrung des eigenen Bewusstseins heraus über den Tod sagen, über Zufall und Schicksal? Die Meditation solcher Grenzfragen, der bewusste und selbstbewusst das Bewusstsein beobachtende Umgang mit ihnen ist ein wichtiger Aspekt anthroposophischer Meditation und Forschung (den Steiner am deutlichsten 1917 in „Von Seelenrätseln“ dargestellt hat).

Vor diesem Hintergrund ist das kürzlich erschienene Heft „Die spirituelle Dimension der Wissenschaft“ der Zeitschrift Tattva Viveka von großem Interesse. Es versammelt Beiträge von akademischen Forschern, in denen sie von ihren Grenzfragen und der Suche nach Antworten darauf berichten. Das reicht vom Biologen Rupert Sheldrake über den Religionswissenschaftler Michael von Brück bis zum Physiker Heinz Dürr. Dazwischen finden sich auch Überlegungen zum Status der Erkenntnis und des Denkens in Anbetracht eines bröckelnden Materialismus. Harald Walach knüpft mit Husserl und Brentano an dieselbe Strömung an, die auch Rudolf Steiner in „Von Seelenrätseln“ aufgegriffen hat, und der Physik-Didaktiker Thomas Görnitz entwickelt aus der Quantenphysik einen Materie und Geist gleichermaßen umfassenden erkenntnistheoretischen Monismus.
Im Einzelnen enthält das Heft für mit der Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität beschäftigte Menschen vielleicht nicht allzu viel ganz Neues, als Ganzes zeigt es aber eindrucksvoll die Grenzfragen und den Paradigmenwechsel, in dem wir uns derzeit befinden.  

An der Grenze zwischen Wissenschaft und Spiritualität befindet sich auch das Forschungsprojekt zu meditativen Methoden in der Pflanzenzüchtung. Seit 2009 arbeitet eine kleine Gruppe von biologisch-dynamischen Gemüsezüchtern zusammen mit der Gesellschaft für Bildekräfteforschung und dem Institut für anthroposophische Meditation an der Frage, ob die Vorgänge und die Ausrichtung der Gemüsezüchtung mit meditativen Methoden begleitet werden kann. Nach ersten Versuchen lautet die Antwort: ja – wenn es auch auf Seiten der zählend-messend-wägenden Auswertung noch Defizite gibt. Hier geht es zum ausführlichen Bericht.

In diesem Zusammenhang sei auch auf die neugegründete Gesellschaft für angewandte Geistesforschung mbh hingewiesen, die sich jetzt auch mit einer Website präsentiert. Ähnlich wie die Gesellschaft für Bildekräfteforschung (Dorian Schmidt u.a.) und Artenova (Tanja Baumgartner u.a.) widmet sich in der Gesellschaft für angewandte Geistesforschung Frank Burdich der Erforschung von Prozessen und Qualitäten in der Ernährung, der Medizin und der Eurythmie.

Ebenfalls an der Grenze zwischen Spiritualität und Wissenschaft vertritt der Biologe Christoph Hueck, Professor an der Freien Hochschule Stuttgart (Seminar für Waldorfpädagogik) eine ganz andere Fragestellung und auch einen ganz anderen Ansatz des Vorgehens. In seinem neuen Buch „Evolution im Doppelstrom der Zeit“ erweitert Christoph Hueck den naturwissenschaftlichen Entwicklungsgedanken um die Dimensionen einer meditativ vertieften Erkenntnispraxis. Dazu gibt er eine kleine Übung an, mit der er die höheren Erkenntnisstufen Imagination, Inspiration und Intuition zu einer ersten Erfahrung bringt. Diesen Abschnitt hat er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt – hier ist er.

Im Oktober-Newsletter wurde hingewiesen auf ein von EnlightenNext Deutschland veranstaltetes Tagesseminar im November 2012 mit Andrew Cohen. Die Wochenschrift „Das Goetheanum“ bringt in der Nummer 8 vom 23. Februar 2013 einen hier nachzulesenden Bericht von diesem Seminar.

Am 11. Mai 2013 wird in Basel ein weiteres Tagesseminar stattfinden, diesmal mit Andrew Cohen, der Sufi-Lehrerin Annette Kaiser und dem Anthroposophen und Leiter des Life&Mind-Instituts Arthur Zajonc.  Dieser Tag dürfte eine seltene Gelegenheit werden, drei prominente spirituelle Lehrer verschiedener Richtungen im Gespräch miteinander zu erleben. Thema wird sein, was es außer Meditation noch braucht, um aus spiritueller Perspektive einen wirksamen Beitrag zur weiteren Entwicklung der Kultur zu leisten. Hier ist die detaillierte Ankündigung.

Mit Arthur Zajonc fand 2011 in Bologna ein auf englisch geführtes Interview der Associazione Spazio Interiore e Ambiente statt, das es in fünf Teilen bei Youtube anzusehen gibt. Jeweils geht es um einen Aspekt des Verhältnisses zwischen Buddhismus und Anthroposophie: in Teil 1 über das Selbst, in Teil 2 über Freiheit, in Teil 3 über das Mitleiden, in Teil 4 über die Subjekt-Objekt-Struktur und in Teil 5 über die letzten Fragen.
Zajonc nähert die beiden Traditionen einander an.  Die Buddhistische Lehre des Nichts-Ichs (Anatman) interpretiert er als eine Stufe des anthroposophischen Erkenntisweges. Vor dem erkennenden Eintritt in die geistige Welt wird eine Auflösung der „Persona“, des relativen Selbst, erlebt. Ohne eine solche Auflösung wäre der Eintritt nicht möglich. Zajonc stellt dar, dass der Buddhismus auch eine Lehre von dem, was nach dem Stadium des Nicht-Ichs kommt, beinhaltet. Es wird von der Buddha-Natur gesprochen, was auch manchmal als Lehre vom Wahren Selbst („true self“) verstanden wird. Diese Lehre bringt Zajonc in Verbindung mit der anthroposophischen Lehre vom höheren Ich, Logos oder Christus.
Zajonc ist der Auffassung, dass im Buddhismus die Lehre vom Nicht-Ich hervorgehoben ist, weil wir uns nur schwer Begriffe von real Geistigem bilden können. Damit hat die Lehre des Nicht-Ichs den Charakter der Bescheidenheit. In der Anthroposophie hingegen liegen Begriffe für real Geistiges vor, und das kann zu Unbescheidenheit dem Geistigen gegenüber führen, zum Beispiel, wenn das Alltags-Ich mit dem höheren Ich verwechselt wird.
In ähnlicher Weise äußert sich Zajonc zur Frage der Freiheit in der Anthroposophie und Buddhismus. Manchmal wird behauptet, dass der Buddhismus die Freiheit verleugnet, dass wir uns im Kreislauf vom Karma befinden, wo es nur Leid gibt. Dann vergisst man aber, dass man sich durch die Erleuchtung nicht nur davon befreien kann, sondern dass es auch eine Art von Existenz nach der Erleuchtung gibt. Buddha wirkt eben auch nach seiner Erleuchtung und sucht die Befreiung aller Lebewesen. Zajonc vergleicht das mit der Lehre vom Monden- und Sonnenkarma in der Anthroposophie. Die Anthroposophie beschreibt, dass wir tief im Vergangen eingebettet sind, was unsere Freiheit beeinträchtigt, aber dass wir auch vom Zukünftigen geleitet werden. Die Zukunft beinhaltet unsere eigentliche, freie Natur. Erleuchtet zu sein heißt, sich aus der Zukunft zu orientieren; man wirkt im jeden Moment für die Verwirklichung der Freiheit. Im Grunde genommen ist aber Freiheit nur möglich im Spannungsfeld zwischen Notwenigkeit und Spontaneität.
Zum Verhältnis von buddhistischer und anthroposophischer Meditation gibt es einige weiterführende Gedanken von Terje Sparby hier zu lesen. 

Im letzten Aufsatz des Heftes zu Wissenschaft und Spiritualität der Zeitschrift Tattva Viveka geht der Herausgeber Ronald Engert der auch hier schon bewegten Frage nach, ob die ja in jeder meditativen Tradition zentrale Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung auch zur Auflösung alles Subjekthaften führt. Während einige östliche Traditionen diese Frage bejahen, behalten unter anderem die monotheistischen Traditionen das Subjekt bzw. Wesen bei – Engert schließt sich letzterer Auffassung an (was die Verwunderung darüber, dass im ganzen Heft keine Spur von Anthroposophie zu finden ist noch etwas vergrößert).

Wir möchten den ganzen großen Bogen dieses Newsletters mit einem Zitat von Karlfried Graf Dürckheim, des Grenzgängers zwischen östlichen und westlichen Traditionen, abschließen (aus: Meditieren – wozu und wie):

„Die Frage: Meditieren – wozu? stellt sich uns nicht nur als theoretisches Problem. Sondern als praktische Aufgabe. Die Antwort lautet: Zur Verwandlung des ganzen Menschen. Es geht um die Verwandlung zu dem Menschen, der zum Sein hin durchlässig geworden ist und fortan vom Sein her lebt. Das bedeutet eine neue Form des Daseins in der Welt, eine Form, deren Grundzeichen die Transparenz ist, die Durchlässigkeit zum Wesen. Was auch immer man unter dem Wesen verstehen will, eines ist es gewiss, es ist Leben, ohne Unterlass bewegendes, sich erneuerndes, schöpferische Verwandlung meinendes Leben.“

 

Kommentare

  • Liebe FreundInnen,

    meinen ´ganz herzlichen Dank eúch!!!!!

    Eine sehr gute Textauswahl und Präsentation!
    Respekt!

    Mit ganz lieben Grüßen aus Berlin

    Achim Hellmich