Grundlagen

Rudolf Steiner hat im Laufe der Jahre, insbesondere während des ersten Jahrzehntes des 20. Jahrhunderts, verschiedene Typen anthroposophischer Meditation entwickelt.

Zunächst entwickelte Steiner ab 1904 im Rahmen einer Reihe von Aufsätzen, die heute unter dem Titel „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ vorliegen, Meditationen mit Naturvorgängen (-> Beispiele). Sie beginnen mit dem Werden und Vergehen alles pflanzlichen Lebens, richten sich auf das Erklingen des Leblosen, des beseelten Tieres und des Menschen, auf den Unterschied von Stein, Pflanze und Tier und auf die Entfaltung eines Samenkorns. Bereits die erste dieser Meditationen zum Sprießen und Welken ist ein komplexes Gebilde, das mehrere Stufen durchläuft.

Die Stufung in der Entwicklung des meditativen Bewußtseins beschäftigt Steiner durch die nächsten Jahre; er beschreibt sie erstmals 1907 in „Die Stufen der höheren Erkenntnis“ als Imagination, Inspiration und Intuition und geht daran, eine Meditation zu entwickeln, die diese Stufung zum Ausdruck bringt und ermöglicht. Dies ist nun keine Naturmeditation mehr, sondern eine Bildmeditation (-> Beispiele) mit einem Symbol. Das Werden dieser Meditation, deren Inhalt das Symbol des Rosenkreuzes ist, lässt sich von 1907 an in den Vorträgen, die Steiner hielt, verfolgen; ihre reifste Form findet die Rosenkreuz-Meditation dann innerhalb einer nochmals überarbeiteten Darstellung der Bewußtseinsstufen Imagination, Inspiration und Intuition 1909 in der „Geheimwissenschaft im Umriss“. Hier unterscheidet Steiner auch erstmals zwischen dem meditativen Aufbau einer Meditation und der anschließenden meditativen Versenkung, ein Unterschied, der für alle anthroposophische Meditation fundamental ist. Denn im Aufbau einer Meditation kommt die innere Aktivität des Meditierenden zum Tragen, der sich einem Meditationsinhalt zuwendet, diesen fokussiert und nach und nach vertieft. Diese innere Aktivität wird zur Grundlage, auf der sich die Seele weitet und empfänglich wird für den inneren Gehalt des Meditationsinhaltes, für jene Kräfte, die die Realität dessen sind, wovon der Inhalt spricht. Die Polarität von innerer Aktivität und Empfänglichkeit, die zunächst abwechselnd geübt wird, dann aber immer unmittelbarer ineinandergreift, ist die Gewähr für die Besonnenheit des Meditierenden, der sich nicht nur den Kräften und Wesen erlebend zuwenden, sondern diese auch bewusst schauen möchte, um dieses Schauen für seine Lebenspraxis fruchtbar zu machen.

Bereits seit 1904 gab es unter der Leitung Steiners eine Esoterische Schule, deren Schüler von Steiner auf ihrem Weg der Bewußtseinserweiterung angeleitet und begleitet wurden. In dieser esoterischen Schule knüpfte Steiner an die Gepflogenheiten der noch von H.P.Blavatsky eingerichteten und nunmehr von Annie Besant geleiteten Theosophischen Gesellschaft an, wo die Meditation mit ähnlich einem Gedicht oder Gebet geformten Sprüchen gepflegt wurde. Steiner übernahm zunächst die vorgefundenen Formen, ersetzte diese aber bald und entwickelte Gestaltungen, die nun auch in der Spruchmeditation (-> Beispiele) die Differenzierung in Imagination, Inspiration und Intuition zum Tragen brachte.

Ab 1910 wandte Steiner sich wieder verstärkt der rein gedanklichen Ausgestaltung spiritueller Zusammenhänge zu und knüpfte damit an seine philosophischen Werke vor der Jahrhundertwende an. Seine Bücher verlieren deutlich an Umfang und enthalten kurze Kapitel, die Steiner zur Meditation vorschlägt. Der größte Teil von Steiners Büchern bis hin zu den letzten Aufsätzen 1924/25 sind solche Gedankenmeditationen (-> Beispiele) , in denen das Denken des Lesers so geführt wird, dass es sich durch Bild, Gefühl und Wille hin zu einem geistigen und zugleich gedankengetragenen Schauen vertiefen lässt.

Die anthroposophische Meditation ist eingebettet in den anthroposophischen Schulungsweg, der weitere Übungen enthält und zugleich beschreibt, welche Erfahrungen auf diesem Weg zu machen sind. Zum anthroposophischen Schulungsweg gehört als erste Stufe auch das Studium der Anthroposophie. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Zum einen liegt im Studium der Anthroposopie eine Denkschulung beschlossen, die für jede Meditation eine gute Grundlage ist und in der Gedankenmeditation durch sich selbst Meditation wird. Zum anderen bringt die Meditation den Meditierenden in Berührung mit Kräften lebendiger, seelischer und geistiger Qualität, die dem gewöhnlichen Gegenstandsbewußtsein verborgen sind, aber doch die Welt der Erscheinungen durchdringen und gestalten. Diese in der Welt wirksamen Kräfte und Wesen sind gewissermaßen der sich in die Welt der Erscheinungen ausgegossen und mannigfaltig differenziert habende Weltengrund. In diesem Feld ist aber die Orientierung nur aus eigener Kraft nicht einfach. Das Studium der Anthroposophie bietet hierfür nicht nur ein Wissen über diese Kräfte, sondern vermittelt eine begriffliche Struktur, die geeignet ist, diese Kräfte bewusst zu machen und voneinander zu unterscheiden.

 Die eigene Erfahrung der lebendigen, seelischen und geistigen Kräfte weicht oft sehr weit ab von den Vorstellungen, die man sich aus Steiners Schilderungen gemacht hat. Schon der Terminus ‚Hellsehen’, den Steiner an vielen Stellen für diese Erfahrung benutzt, trifft die eigene Erfahrung oft nicht. Steiner hat mit diesem Terminus zunächst angeknüpft an die von den visionären Schauungen H.P. Blavatskys und deren Weiterentwicklung durch Ch.W. Leadbeater geprägte angelsächsische Theosophie und auch die Darstellung der Chakren als Wahrnehmungsorgane übernommen. Spätestens 1917 in „Von Seelenrätseln“ wird Steiner dann nicht mehr müde zu betonen, dass die Schilderung einer übersinnlichen Erfahrung diese nicht so wiedergibt wie eine Erinnerung ein äußeres Erlebnis. Eine geistige Erfahrung muss übersetzt werden in die Empfindungen, Bilder und Gedanken dessen, der sie hat, und dies ist kein zwangsläufiger, sondern ein individueller und zeitabhängiger Prozess. Auch die für übersinnliche Erfahrung notwendige Organbildung wird nun nicht mehr im Sinne passiver Wahrnehmungsorgane beschrieben, sondern noch expliziter als Ausbildung und Ausübung von Fähigkeitsorganen, die nur tätig sind, solange sie betätigt werden.

Weitet man den Begriff des Hellsehens in dieser Weise, so gibt es neben den heute vermehrt insbesondere im Kontakt mit der Natur und mit Bezug auf Reinkarnation und Karma zu beobachtenden übersinnlichen Erfahrungen eine Vielzahl von Erfahrungen, die oft nur rudimentär ins gewöhnliche Bewußtsein überführt werden können. Hierzu gehören pädagogische Einfälle, die sich aus dem meditativen Umgang mit dem Feld des Pädagogischen ergeben ebenso wie Einsichten des Arztes in eine vordergründig nicht zu diagnostizierende Krankheit oder des Landwirtes in die Qualität eines landschaftlichen Standortes. Die durch anthroposophische Meditation auftretende Erfahrung ist oft konkret, einzelfall- und handlungsorientiert – hierin liegt der Erfolg der anthroposophisch begründeten Lebenspraxis in Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft – , seltener allgemein und erkenntnisorientiert, doch auch hier sind neue Heilmittel, neue Therapien und neue Unterrichtsmodelle entwickelt worden.

Hiermit ist Meditation zur Grundlage geistiger Forschung geworden. Diese findet vielerorts statt, oftmals unabhängig oder ohne erkennbaren Zusammenhang mit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, der Steiner diese Aufgabe eigentlich zugedacht hatte.