Newsletter Spätsommer 2015

Meditation und Gesundheit: Kongress und Fortbildung – Vorblick auf Veranstaltungen – Die Drei: Indische Spiritualität – In eigener Sache: neue Kooperationspartner – Berichte von der Goetheanum Meditation Initiative, von der „Towards a Science of Consciousness“-Konferenz in Helsinki und  vom Spiritual Research Institut des Mind and Life Instituts Europa – Hilfe in spirituellen Krisen – Lesetipps. Von Anna-Katharina Dehmelt und Terje Sparby

Meditation als spirituelle Praxis ist jahrtausendealt. Ihre Wirkung auf Gesundheit und Lebensqualität wird aber erst seit rund 30 Jahren intensiv erforscht, vor allem anhand buddhistischer Meditationspraktiken. Besonders bekannt geworden ist das Programm zur „Mindfulness Based Stress Reduction“ nach Jon Kabat-Zinn, dessen Übungen vielfältig in Therapie, Pädagogik, Erwachsenenbildung und Sozialarbeit eingesetzt werden.
Weit weniger bekannt ist die Wirkung der meditativen Methoden, die sich aus der Anthroposophie heraus entwickelt haben, auf Stress, Burnout und auf Zufriedenheit und Motivation in der Lebensführung. Mit ihrem ausgeprägten Sinn- und Weltbezug tragen diese Ansätze ebenfalls zur Gesunderhaltung und Lebensqualität bei und stärken die Kräfte der Selbstregulation.
Angeregt von Stefan Schmidt-Troschke, geschäftsführender Vorstand des anthroposophischen Patientenverbandes Gesundheit Aktiv e.V., haben sich Rudi Ballreich und Anna-Katharina Dehmelt mit ihm zusammengesetzt, um zu sichten, welche Ansätze auf diesem Gebiet schon praxiserprobt sind, was zu ihrer Verbreitung beigetragen werden kann und was es durch Blicke über den Tellerrand zu entwickeln gilt. Entstanden ist aus diesen Gesprächen die Idee zu einem Kongress, der vorstellt, was es bereits gibt und zu eigener gesundheitsfördernder meditativer Praxis anregen will, und zu einer Forschungs- und Fortbildungsreihe, die für Menschen, die in ihrem Berufsfeld selber mit anderen Menschen meditativ arbeiten wollen, ein vertieftes Eindringen in die Thematik ermöglicht.
Weil es mit den elektronischen und gedruckten Ankündigungen noch einige Wochen dauern wird, möchten wir Sie hier vorab über die Planungen informieren, so dass Sie sich vielleicht angeregt fühlen, die Termine in Ihrem Kalender schon einmal vorzumerken.
Der Kongress mit dem Titel „Meditation und Gesundheit – Perspektiven der Anthroposophie“ findet vom 18. bis 20. März 2016 in der Freien Waldorfschule Kreuzberg in Berlin statt. Er möchte das ganze thematische Feld aufspannen und Gelegenheit bieten, an einigen Stellen selbst übend einzutauchen. So gibt es ein reichhaltiges Angebot an Vorträgen, Workshops, Gesprächsrunden und Worldcafes, an gemeinsamer Meditation natürlich und an künstlerischer Besinnung.
Für die Vorträge konnten wir Michaela Glöckler („Meditation für Patienten, Ärzte und Therapeuten – Anregungen Rudolf Steiners“), Harald Walach („Wie kann man den Zusammenhang von Meditation und Gesundheit verstehen?“) und Wolfgang Rißmann („Erfahrungen und Wirkungen im Umgang mit anthroposophischer Meditation“) gewinnen, und einleitend wird Rudi Ballreich über den „Weg durch den Nullpunkt – Stressbewältigung als Schwellenerfahrung“ sprechen.
Folgende Workshops sind vorgesehen:
Rudi Ballreich: Meditative Übungen zur Stärkung der Selbststeuerung in Stress-Situationen
Susanne Breuninger-Ballreich: Die Meditationsübungen des MBSR-Programms nach Jon Kabat-Zinn
Prof. Dr. Arndt Büssing: Zweckfrei meditieren! Anregungen aus verschiedenen spirituellen Ansätzen (Arbeitstitel)
Anna-Katharina Dehmelt: Grundelemente anthroposophischer Meditation: Stärkung der Aufmerksamkeit nach innen und außen
Dr. Harald Haas: Der achtsame, achtgliedrige Weg zur Überwindung von Stress und Nervosität
Christiane Hagemann und Michael Werner: Meditation und Vitaleurythmie
Dr. Fritz Helmut Hemmerich: Meditation Herzkraftfeld
Rüdiger Lunkeit: Innere Übung als Sorge für die Gesundheit der Seele
Dr. Wolfgang Rißmann: Abstand zu sich selbst macht Sinn. Die Rückschauübungen der Anthroposophie
Dr. Martin-Günther Sterner: Zur Physiologie der Meditation.
Dr. Jaap van de Weg: Vom übenden Umgang mit den Gestaltungskräften des eigenen Lebens.
Johanna Weule: Die seelische Hausapotheke
Der Kongress wird veranstaltet von Gesundheit Aktiv e.V. in Kooperation mit dem Institut für anthroposophische Meditation. Den Flyer können Sie hier herunterladen, weitere Infos gibt es hier.

Die Forschungs- und Fortbildungsreihe „Meditation und Gesundheit“ beginnt daran anschließend am 15. April 2016 in Alfter bei Bonn und wird veranstaltet vom Alanus Werkhaus e.V. in Kooperation mit Gesundheit Aktiv. Sie umfasst im Laufe eines Jahres 12 Wochenenden und richtet sich an Ärzte, Therapeuten, Lehrer, Erwachsenenbildner, Berater, Personalverantwortliche und ähnliche Berufsgruppen – an Menschen also, die in ihrem Berufsfeld mit anderen Menschen meditativ arbeiten wollen. Ebenso wie der Kongress wird auch die Forschungs- und Fortbildungsreihe von Arndt Büssing wissenschaftlich begleitet.
In der Forschungs- und Fortbildungsreihe wird unter der Leitung von Rudi Ballreich und Anna-Katharina Dehmelt eine kontinuierliche eigene Meditationspraxis aufgebaut, gepflegt und reflektiert. Sie bildet die Grundlage, um die verschiedenen Übungs-Ansätze in ihrer Wirkung beobachten und verstehen zu lernen, zunehmend eigenständiger mit ihnen umzugehen und sie schließlich im eigenen Berufsfeld anzuwenden. Die Arbeitsweise ist übungs-, forschungs- und prozessorientiert und die TeilnehmerInnen werden auch eigene Übungsprogramme entwickeln und im Kurs vorstellen. Eine kontinuierliche eurythmische Arbeit mit Sibylle Stiller unterstützt die meditative Arbeit.
Darüberhinaus wird an jedem Wochenende ein Gastdozent mit den Teilnehmern einen thematischen Schwerpunkt erarbeiten:
15.-17.4.2016 Rudi Ballreich und Anna-Katharina Dehmelt Einführung in die anthroposophische Meditation und Aufbau der gemeinsamen Meditationspraxis. – Verständnisgrundlagen von Stress und Burnout und deren Überwindung durch Meditation
3.-5.6.2016 Prof. Dr. Arndt Büssing Von der Vielfalt westlicher und östlicher Meditationsformen und deren Bezug zu Gesundheit und Krankheit. – Grundlagen für den forschenden Umgang und die Evaluation der verschiedenen Meditationsformen. (Arbeitstitel)
24.-26.6.2016 Susanne Breuninger-Ballreich Einführung in das Mindfulness-based-Stress-Reduction-(MBSR-)Programm nach Jon-Kabat Zinn: Praktizieren der MBSR-Meditationsansätze und Übungen zum Anleiten einzelner Meditationen.
23.-25.9.2016 Dr. Harald Haas Der achtsame, achtgliedrige Weg zur Überwindung von Stress und Nervosität.
14.-16.10.2016 Dr. Jaap van de Weg Übungen zur Steigerung der intrinsischen Lebensmotivation mit Bezug auf die eigene Biographie und das eigene Schicksal
11.-13.11.2016 Dr. Wolfgang Rißmann Meditative Übungen mit den vier Elementen, wie sie in der Natur und im Menschen wirken.
9.-11.12.2016 Ilse K. Müller Meditation und die Wahrnehmung der Welt. Übungen zur Vertiefung von Sinneswahrnehmung und Weltbezug.
13.-15.1.2017 Dr. Michael-Günther Sterner: Zur Physiologie der Meditation.
10.-12.2.2017 Rudi Ballreich Das verwundete Herz und die Heilung der sozialen Beziehungen durch Mitgefühls-orientierte Meditationsansätze. – Entwicklung der fühlenden Aufmerksamkeit als Grundlage für inspiratives und intuitives Erkennen im Sozialen.
10.-12.3.2017 Prof. Dr. Arndt Büssing Evaluation der Erfahrungen mit den verschiedenen Meditationen und Übungsansätzen. Integration in die gegenwärtige Meditationsforschung. (Arbeitstitel)
7.-9.4.2017 Prof. Dr. Dr. Wolf-Ulrich Klünker Ohne Depression keine Inspiration. Persönliche Krise und Anthroposophie.
5.-7.5.2017 Rudi Ballreich, Anna-Katharina Dehmelt Gesetzmäßigkeiten anthroposophischer Meditation und ihrer Wirkungen. Abschluss.

So könnte im Laufe dieses Projektes die anthroposophische Meditation ein Faktor werden, der sich neben die anthroposophische Medizin mit ihren Medikamenten, die Heileurythmie und die künstlerischen Therapien und auch neben die Psychotherapie stellt, indem der Kern des menschlichen Wesens in seinem Selbstsein und seinem Weltbezug gestärkt wird: als Quell gesundender Kräfte ebenso wie im Umgang mit Erkrankungen und Krisen. Vielleicht kann aus diesem Projekt sogar so etwas wie ein anthroposophisches MBSR-Programm begründet werden?

In Hinführung auf das Kongressthema hat Gesundheit Aktiv die Broschüre „Das innere Gleichgewicht finden – Seelenübungen für Achtsamkeit, Herzenskultur und Willensstärkung“ von Klaus Adams, Wolfgang Rißmann und Marko Roknic herausgegeben. Die Übungen sind angelehnt an Steiners Nebenübungen, an die Rückschau oder an Übungen gegen Nervosität, und sie sind so ansprechend aufbereitet, dass man sich binnen Kurzem ein Bild von der Übung, ihrer Zielsetzung und ihrer Durchführung machen kann.

Ganz auf die innere spirituelle Seite der anthroposophischen Meditation ist die Tagung „Ich und Weltgeschehen – Motive meditativer Praxis“ am 17. und 18.10.2015 in Kassel  gerichtet. Dort „sollen Grundfragen der geistigen Arbeit bewegt werden“ und es „soll nicht über Meditation, sondern aus Arbeitserfahrungen gesprochen werden“. Als Referenten arbeiten Gioia Falk, Wolfgang Kilthau, Bodo von Plato und Hartwig Schiller mit. Das Anliegen der Tagung hat Hartwig Schiller ausführlicher im Juli-Heft der Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland  beschrieben.

Die anthroposophische Meditation steht nicht beziehungslos neben anderen spirituellen Strömungen. Die Monatszeitschrift Die Drei hat sich in ihrem September-Heft unter dem Titel „Indische Spiritualität“ mit Berührungspunkten und Unterschieden befasst.  Andreas Neider leuchtet die Ergänzungsbedürftigkeit von Imagination als Ausdruck westlicher Spiritualität und Inspiration als Inbegriff östlicher Spiritualität aus; Angelika Schmitt setzt die anthroposophische Menschenkunde zur indischen Philosophie in Beziehung, Salavatore Lavecchia und Nishtha Müller beschäftigen sich mit der Begegnung von Rig-Veda und Anthroposophie und Bernhard Spirkl geht auf die Yoga-Kritik Rudolf Steiners ein – ein Aufsatz, der mit seiner gründlichen Kenntnis früherer und heutiger Yoga-Praxis viele Fragen erhellen kann.

Die Herbstakademie vom 6. bis 8. November 2015 in Oberursel fragt dieses Jahr nach dem spirituellen Potential der westlichen Welt  Auch wenn es hier nicht ausdrücklich um Meditation geht, sind die Herbstakademien in ihrer spirituellen Pluralität doch jedes Jahr ein Forum, in dem Anthroposophie zu sich selbst zu erwachen vermag. Mit Beiträgen von u.a. Ronald Benedikter, Jost Schieren und Fedelma und Sebastian Gronbach darf man das auch dieses Jahr erwarten.

Ebenfalls strömungsübergreifend aufgestellt ist die Mindful Leadership Konferenz, die am 25. September 2015 unter Mitwirkung von u.a. Rudi Ballreich, Götz Werner und dem Filmemacher Julian Wildgruber stattfinden wird. Hier kann man unter der Überschrift „Präsent und bewusst führen – ein Unternehmen, ein Team, sich selbst“ die Integration von MBSR-Training und anthroposophischen Ansätzen erleben. Zu sehen sein wird am Abend auch der bereits im letzten Newsletter vorgestellte Film „From Business to Being“, der Unternehmer und Führungskräfte ein Stück auf ihrem Achtsamkeitsweg begleitet und der auf dem Dokumentarfilm-Fest München zum Publikums-Liebling avancierte.

Wie man an dieser Umschau sieht, wird das Feld, das ein Institut für anthroposophische Meditation zu bestellen hat, immer vielfältiger. So entstand der Wunsch, die Bewusstseinsbildung über dieses Feld auf eine breitere Basis zu stellen. Aus den vom Institut für anthroposophische Meditation durchgeführten Kolloquien hat sich in den letzten Jahren eine Intensivierung der Zusammenarbeit ergeben, die jetzt dazu geführt hat, dass zu den bisherigen Kooperationspartnern zwei weitere hinzugekommen sind: das D.N.Dunlop Institut  und die Akanthos Akademie. Das D.N.Dunlop Institut in Heidelberg wurde 2002 von Corinna Gleide und Ralf Gleide begründet und führt seit vielen Jahren Meditationskurse und –werkstätten durch. Die Akanthos-Akademie wurde im Sommer 2015 von Christoph Hueck, Andreas Neider, Lorenzo Ravagli, Dorian Schmidt und Valentin Wember begründet. Die Akademie hat sich vorgenommen, die Methoden anthroposophischer Meditation zu erforschen und führt ebenfalls Meditationskurse durch.
Die Zusammenarbeit einiger Kooperationspartner untereinander hat sich in der letzten Zeit verstärkt. Eine Differenzierung in konkret zusammenarbeitende Institutionen einerseits und in Gesprächspartner, die das Geschehen aus größerer Entfernung begleiten, ist angedacht. Damit kann dann auch eine weitere Vergrößerung des Kreises einhergehen.
Die Initiativen von Sebastian Gronbach, die bisher als Public Meditation aufgeführt waren, treten, der Entwicklung folgend, unter den Kooperationspartnern künftig als Anahata Akademie in Erscheinung. Die Kooperation mit EnlightenNext wird auch nach dem Rückzug von Andrew Cohen fortgesetzt, weil es weiterhin gemeinsame Fragen und Verständigungsinteresse gibt, wie sie etwa in der Herbstakademie zum Ausdruck kommen. Über die diesen Kooperationen angemessenen Ausdrucksformen sind wir derzeit im Gespräch.

Für die Vernetzung innerhalb der anthroposophischen Szene spielt die Goetheanum Meditation Initiative, ebenfalls ein Kooperationspartner des Instituts, eine große Rolle. Im Juli 2015 fand in Dornach ein sechstes Treffen statt. Nach der großen Erweiterung des vorigen Jahres hat man sich   nun wieder auf einen kleineren Kreis von knapp 100 Menschen beschränkt, die sich während des Treffens weitgehend selbst organisierten und so ihren Fragestellungen, Interessen und Kontaktbedürfnissen nachgehen konnten. Dennoch hatte das Treffen in seinem gelegentlich überzogenen Festhalten an Traditionen auch groteske Züge. Jonas von der Gathen berichtet in der Wochenschrift Das Goetheanum  vom 31. Juli 2015 (Nr. 31/32):
„Eine Hügellegende besagt, dass Missionare vor ihrer Tropenentsendung probeweise nach Dornach geschickt wurden. Eben ist Juli geworden. Die drückende Wärme erinnert an Afrika, das Goetheanum blendet sonnenweiß, Lavendelbüsche trocknen am westlichen Weg. Wie kommen 100 Menschen aus allen Klimazonen auf die Idee, im aufgeheizten Holzhangar der Schreinerei zusammenzurücken? … Als hätten höhere Mächte die Hitzewelle als erste Schwelle geschickt: „Spürt wie Euer Bewusstsein am Leibe klebt.“ Zumindest die Kleider am Stuhl. … Manche fordern Ventilatoren und die bewusst führerlosen Gruppenprozesse brauchen viel Wachheit im bewusstseinsdämpfenden Klima. … Archaische Kulturen setzten spirituelle Aspiranten stets den Elementen aus: die lebensgefährliche Keltentaufe, die Schwitzhütten der Indianer. In diesem ‚Miteinander-Durchhalten‘ mantrische Worte in fremden Sprachen allmorgen- und -abendlich zu hören, erweckt alte Bilder. Damals, als sich aus allen Himmelsrichtungen Abgesandte versammelten, um die Schwellen der Elemente zu durchbrechen. Um die eine Stimme, um ‚das große Geheimnis‘ zu vernehmen und zurückkehrend davon zu berichten.“
Die Frage, wie die Initiative sich der Welt öffnen kann, wurde im Abschlussplenum bewegt, blieb aber zunächst unbeantwortet.

Im Juni hat in Helsinki mit 600 Teilnehmern aus der ganzen Welt die Konferenz “Toward a Science of Consciousness”. Die Tagung, die seit den 90iger Jahren jährlich stattfindet, ist eine der wichtigsten Konferenzen zur Bewusstseinsforschung der Gegenwart. Sie wird u.a. von David Chalmers organisiert. Chalmers gilt als der international einflussreichste (oder jedenfalls meist zitierte ) Philosoph und hat das sogennante “Harte Problem des Bewusstsein” formuliert. Das Problem ist, dass wir nicht erklären können warum ein materiell-biologisches Wesen wie der Mensch bewusst ist. Chalmers hat sich in den letzten Jahren mit dem Panpsychismus beschäftigt, mit dem Gedanken also, dass Bewusstsein im Universum etwas ebenso Grundlegendes ist wie die Materie. Jetzt hat er seinen Blick auf die Quantenphysik gerichtet und ein Argument dafür geliefert, dass es das Bewusstsein ist, dass den Kollaps der Wellenfunktion herbeiführt. Anders gesagt meint Chalmers, dass es gute Gründe gibt zu glauben, dass das Bewusstsein direkt auf die physische Wirklichkeit einwirken kann, was heute von vielen Philosophen bestritten wird.
Die Tagung findet in einer sehr offenen Atmosphäre statt. Akademiker aus dem Mainstream tauschen sich mit Vertretern der verschiedensten Richtungen heutiger Spiritualität aus. Ein Beispiel: Patricia Churchland, eine führende Repräsentantin des materialistischen Denkens heute, wurde von einer Tagungsteilnehmerin, die mit Verstorbenen kommuniziert, angesprochen. Solche Situationen können leicht zu unfruchtbaren Konfrontationen führen, aber obwohl die Ansichten weit auseinander lagen, blieb der Ton respektvoll. Auf der fast wochenlangen Konferenz wurden auch einige Themen aus der heutigen Meditationsforschung behandelt. Wie üblich lag der Schwerpunkt auf der klinischen Forschung, und die anthroposophische Meditation kam nicht vor. Einige Forscher aus Indien haben aber ein bekanntes Problem dargestellt: Traditionell dürfen meditierende Menschen nicht über ihre geistigen Erfahrungen sprechen (weil sie dann angeblich die Möglichkeit der Erfahrung verlieren würden), was die Forschung natürlich erschwert. Die Lösung war, dass die meditierenden Menschen anonym über ihre Erfahrungen einen Bericht verfassen und den Bericht geheim in eine Schachtel einwerfen. Dann wissen zwar die Forscher nicht genau, wer was erfahren hat, sie bekommen aber eben Erfahrungsberichte, und die traditionellen Regeln werden nicht verletzt. Inwiefern es stimmt, dass man die Möglichkeit einer Erfahrung verliert, wenn man über sie spricht, wäre näher zu untersuchen. Vielleicht haben die Zeiten sich verändert.

Vom 28. August bis zum 3. September fand auf der Fraueninsel im Chiemsee das Summer Research Institute des Mind & Life Institutes statt. Forscher aus unterschiedlichen Bereichen haben sich getroffen, um die neuesten Ergebnisse aus der Meditationsforschung weltweit zu besprechen, aber auch gemeinsam kontemplativ zu üben. Nach dem Rückzug von Arthur Zajonc als Direktor des Mind and Life Instituts sucht das  Institut in den USA, aber auch in Europa neue Kräfte für die Leitung, und es ist zu spüren, dass es gerade keine übergeordnete Richtung gibt. Derzeit ist Cornelius Pietzner, ehemaliges Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Managing Direktor von Mind & Life Europe.
Eine besonders anregende Präsentation gab es auf der Fraueninsel von Cliff Saron. Er leitet das Shamata-Projekt. Sein Beitrag war interessant, weil er eines der umfassendesten Meditationsforschungsprojekte leitet: mit Menschen, die 3 Monate auf einem Retreat waren, wurden alle möglichen Formen von Untersuchungen gemacht (Blutwerte, EEG, qualitative Interviews usw.). Cliff Saron spricht von „kontemplativen Observatorien“, Orten also, wo man nach innen schaut und nach dem Muster des „Human Genome Project“ alle Aspekte der Meditationserfahrung untersucht.
Terje Sparby selbst hat von seinem Projekt über die Vielfalt kontemplativer Erfahrungen in der Anthroposophie berichtet. Er hat die ersten Ergebnisse seiner Studie präsentiert. Die Zuhörer interessierten sich allerdings hauptsächlich für das Unterkapitel negativer Auswirkungen des Meditierens und kaum für die anthroposophische Meditation. Tatsächlich kennen überhaupt nur ganz wenige Menschen auf so einem Kongress die anthroposophische Meditation, und diejenigen, die schon von ihr gehört haben, haben oft vage oder schiefe Auffassungen davon.
Ein ausführlicher Bericht aus Terje Sparbys Forschungsprojekt folgt im nächsten Newsletter.

Durch spirituelle Praxis ausgelöste Krisen, die wie Psychosen aussehen können, aber auf ganz andere Weise zu bewältigen sind, hat bereits in den 80iger Jahren Stanislav Grof untersucht. Für den deutschen Sprachraum gibt es nun mit Caringnet  eine Initiative für Hilfe in spirituellen Krisen. Die Seite ist im Umfeld von Thomas Hübls Timeless Wisdom Training  entstanden und enthält, angelehnt auch an die englische Seite www.spiritualcrisisnetwork.uk eine Fülle an Informationen, Hintergründen und Adressen.

Zum Schluss noch einige Literaturtipps:
Die Drei hat ihr diesjähriges Juniheft den sogenannten Nebenübungen der Positivität und der Unbefangenheit gewidmet. Herausgekommen ist eine facettenreiche Beleuchtung dieser Blickrichtungen, praktisch, hintergründig, anregend.
Nach einem Band zur Intuition hat Edward de Boer nun auch einen Band mit dem Thema „Imagination – Bildekraft des Denkens“  herausgegeben. Er beinhaltet wiederum eine Zusammenstellung wichtiger Steiner-Stellen zum Thema. Wir konnten ihn noch nicht besichtigen, vermuten aber, dass er genauso gelungen ist wie der Intuitions-Band, den wir in einem früheren Newsletter vorgestellt haben. Der Verlag schreibt: „Die Texte bieten vielfältige Anregungen für die meditative Praxis und begleiten das wahrnehmende Üben durch die subtilen Prozesse zwischen Begriff und Bild. Dadurch eignet sich dieses Büchlein auch als Einstieg in die Erkenntnismethode der Anthroposophie.“
„Gott ist eine unendliche Sphäre, deren Zentrum überall und deren Umkreis nirgends ist.“ Im Goetheanum vom 22. Mai 2015 (Nr. 21-22), einem Heft zum Thema Meditation, hat Constanza Kaliks diesen Gedanken durch die Jahrhunderte verfolgt. Der Faden beginnt in Ägypten und führt über Griechenland durch das christliche Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit. Die Mathematikerin Constanza Kaliks selbst, die heute im Vorstand am Goetheanum arbeitet, dürfte ihm in ihren Studien über Nikolaus Cusanus begegnet sein. Sie verfolgt die Spur dann weiter bis zu Steiners Punkt-Umkreis-Meditation „In mir ist Gott – Ich bin in Gott“ – eine echte Entdeckung!  Der Artikel kann, zusammen mit weiteren Artikeln zum Heftthema von Robin Schmidt und Bodo von Plato, auf der Website der Wochenschrift www.DasGoetheanum.ch kostenpflichtig erworben werden.
Lesestoff bieten auch die Website Erkenntnisorientierte Meditation von Andreas Meyer und die völlig neugestaltete Seite unseres Kooperationspartners Gesellschaft für Bildekräfteforschung.

Immer wieder haben wir uns in diesen Newslettern mit der Bedeutung des Denkens für die anthroposophische Meditation beschäftigt. Dessen paradoxe Bedeutung hat Rudolf Steiner einmal kurz und knapp so zusammengefasst:

„Man ist nicht fähig, in der höheren Welt zu urteilen, wenn man das gewöhnliche verstandesmäßige Denken da hinaufträgt. Man ist nicht fähig in der höheren Welt zu urteilen, wenn man nicht erst in der physischen Welt ausgebildet hat das verstandesmäßige Denken.“ (29.3.1910/GA 119)

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