Newsletter August 2014

Erster Teil (der noch zum Sommer gehört): Spüren, Schauen, Lauschen – vom Wahrnehmungsaspekt der Meditation. Und einige Rückblicke.. Zweiter Teil (der schon in den Herbst weist): „Soll man über geistige Erfahrungen sprechen?“ von Terje Sparby. Hinweise auf Bücher von Lisa Romero, Marie-Laure Valandro, Fritz Hemmerich und Edward de Boer, der Rudolf Steiners Aussagen über Meditation zusammengestellt hat. Zwei neue Facetten von Frank Burdich und Robin Engelen. Von Anna-Katharina Dehmelt und Terje Sparby.

Das Thema schlug die im April 2014 erschienene zweite Nummer von Evolve an. „Weltinnenraum“, so hieß das Heft, mit dem Untertitel „Denken, Fühlen, Intuition“. Die spirituell und evolutionär ausgerichtete Zeitschrift hat hier ein Heft über Diesseits-Spiritualität vorgelegt, wie sie in solcher Versammlung und Schönheit vielleicht noch selten präsentiert wurde und darin dem anthroposophischen Ansatz von Meditation und Forschung, der seit jeher diese Diesseits-Orientierung hat, näher rückt.
Sind Spiritualität und Meditation oft und in vielen spirituellen Richtungen auf den Rückzug vom äußeren Leben, vom Gegebenen und Konkreten gerichtet, so entwickelt sich allmählich vor allem innerhalb der Achtsamkeitsbewegung eine Zuwendung zur Welt und zum Konkreten, die sozusagen von innen wieder eine Verbindung mit der konkreten Welt sucht. Ein Schlüssel für diese Verbindung ist der Begriff und die Tätigkeit des S p ü r e n s. Denn das Spüren ist eine innere Aktivität, die sich ihren Gegenstand nicht als getrennten gegenüberstellt, sondern im Spüren selbst die Kluft zwischen Subjekt und Objekt überwindet. Einmal aufmerksam geworden auf diese Art von innerer Aktivität, kann man auch das Schauen – als Verinnerlichung und Vertiefung des Sehens – und das Lauschen – das hinter und im Hören liegt – entdecken. Spüren, Schauen und Lauschen sind die inneren Tätigkeiten, die aus der Meditation geboren werden, wenn sie sich der Welt wieder zuwendet.
In besonders schöner Weise beschreibt Joachim Galuska im Interview „Offenheit des Lebens – Spüren als Erkenntnisform“, das Tom Steininger mit ihm geführt hat, diesen Zugang im genannten Heft von Evolve. Die gleiche Spur verfolgt Gernot Böhme, dessen Buch „Bewusstseinsformen“ ebenfalls in Evolve besprochen wird – wir können aber mittlerweile eine eigene Rezension beisteuern, die in Nr. 31-32 der Wochenschrift Das Goetheanum unter dem Titel „Er versucht den Begriff des Bewusstseins zu erweitern“ erschienen ist.
Auch Hans-Christian Zehnter, goetheanistisch-anthroposophischer Naturwissenschaftler, hat einen Beitrag „Tastende Wahrnehmungen – Wenn Denken zu Schöpfung wird“ in Evolve verfasst, auf den wir gerne hinweisen, ebenso wie die von ihm mitverantwortete Website Anblick. Diese Initiative pflegt eine spürendes Anschauen der Natur in Anknüpfung an Goethe und Steiner und hat Wege entwickelt, ein solches Anschauen zu erüben.
Nochmal in ganz anderer Weise kam das Motiv des Spürens auf der ersten Georg Kühlewind-Tagung in Wien zum Tragen. Denn Georg Kühlewind hat intensiv einen von Steiner nur angedeuteten meditativen Ansatz für die Vertiefung des Wahrnehmens entwickelt, den Andreas Neider auf der Tagung prominent darstellte. Kühlewinds erkenntnistheoretisch gut fundiertes, anspruchsvolles und vor allem aber anregendes Büchlein „Wege zur fühlenden Wahrnehmung“ kann hier Schritte weisen, wie die Sinnes-Wahrnehmung hinsichtlich übersinnlicher Wahrnehmungen vertieft werden kann.
Ein Bericht von dieser Tagung ist unter dem Titel „Stille, Licht und Leere“ im Juni-Heft von Info 3 erschienen. Dort findet man auch die Links zu zwei Youtube-Videos, die Neiders Vortrag sowie eine Podiums-Diskussion in Erinnerung an Georg Kühlewind wiedergeben.
Unseren zusammenfassenden Bericht zu diesem Thema, in dem auch kurz von unserem gemeinsam mit dem D.N.Dunlop-Institut veranstalteten Kolloquium „Geistige Forschung denken“ berichtet wird, finden Sie im Juli Heft der Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland unter dem Titel „Meditation und Spiritualisierung des Wahrnehmens“.

Das Thema Achtsamkeit hat übrigens auch einen Platz gefunden in der im Oktober stattfindenden Internationalen Tagung für Heilpädagogik und Sozialtherapie mit dem Titel Gefühlskultur. Achtsamkeit, Mitgefühl, Geistesgegenwart am Goetheanum in Dornach. Einzelheiten finden Sie im Veranstaltungskalender – wo es noch manch anderes zu entdecken gibt.

In der Achtsamkeitsszene stehen drei große Veranstaltungen an:
– Das Summer Research Institute vom 23. bis 29. August in Chiemsee – die erste große Veranstaltung des europäischen Zweiges des Mind and Life Instituts. Wir werden berichten.
– Das International Symposium for Contemplative Studies vom 30. Oktober bis zum 2. November, ebenfalls veranstaltet vom Mind and Life Institut, diesmal in Boston.
– Vom 24. bis 25. Oktober der dritte Kongress Meditation und Wissenschaft in Berlin, der dieses Jahr sich dieses Jahr das  Thema „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gewählt hat.

Rückblickend möchten wir Sie auch gerne noch hinweisen
– auf einen Bericht von Monika Elbert vom dritten Kolloquium zu übersinnlichen Wahrnehmungen, das im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland stattfindent;
– auf den neuen Bildekräftebrief der Gesellschaft für Bildekräfteforschung, der nicht nur interessant, sondern auch sehr ansprechend im Erscheinungsbild geworden ist. Er kann bei der Gesellschaft für Bildekräfteforschung auf Papier bestellt und gerne weiterverbreitet werden;
– und auf die Gründung der Herbstakademie-Akademie, einem Kreis, der aus der alljährlich stattfindenden Herbstakademie hervorgegangen ist und in besonderer Weise den interspirituellen Dialog fördern soll. Das Gründungsstatut mit den Mitgliedern des Akademiekreises finden Sie hier.
– Anfang Juli hat wieder ein Treffen der Goetheanum Meditation Initiative stattgefunden – es war das fünfte in großer Runde. Nachdem die Aufbruchsstimmung der ersten Treffen und die Freude darüber, dass das Thema Meditation nun intensiver bearbeitet wird, schon ein bisschen selbstverständlich geworden sind, hat das letzte Treffen seinen Wert insbesondere in der Vernetzung und Begegnungsmöglichkeit zwischen auf diesem Felde tätigen Menschen erwiesen. Verschiedenste Themen, von Meditation zur Gesundheitsprophylaxe über soziale Aspekte und Wirkungen bis hin zu esoterisch-meditativer Arbeit an den Mantren der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, boten Kristallisationspunkte für Begegnung und Gespräch. Ein nächstes Treffen ist für Juli 2015 geplant.

Soll man über geistige Erfahrungen sprechen? Eigentlich, so könnte man meinen, ist das Thema längst durch. Denn in den letzten 10 Jahren hat sich diesbezüglich auch in der anthroposophischen Szene ein tiefgreifender Wandel vollzogen. Terje Sparby geht aber in seinem Artikel in Nr. 21 der Wochenschrift Das Goetheanum in so neuer und differenzierter Weise auf die alte Fragestellung ein, dass sich die Lektüre auf alle Fälle lohnt.

Hinweisen möchten wir Sie auch auf vier neue Bücher, die wir Ihnen jeweils etwas ausführlicher vorstellen:

“The Inner Work Path. A Foundation for Meditative Practice in the Light of Anthroposophy” von Lisa Romero (Verlag Steiner Books). Das Buch ist eher klein (126 Seiten), aber da der Inhalt sehr konzertiert ist, kann es beim Lesen als viel größer erscheinen. Das Buch ist eine Art Einleitung in die Anthroposophische Meditation. Es beinhaltet nicht nur eine ganzheitliche Betrachtung zum Sinn der Meditation, sondern versucht auch zu erklären, wie die Meditation wirkt. Darüber hinaus beinhaltet das Buch praktische Übungen aus Rudolf Steiners Werk. Das Besondere an diesem Buch ist aber, dass es selbst als eine Meditation erscheint. Dadurch bildet sich Vertrauen, dass der Leser vom jemandem Geübten begleitet wird. Das persönlich Erlebte (sowohl der Autorin als auch des Lesers) wird dadurch vom Licht des anthroposophischen Verständnisses beleuchtet.
Eine Schwäche des Buches ist vielleicht, dass die Anthroposophie als Vorgabe Rudolf Steiners doch zu stark im Zentrum steht, während das Persönliche — man könnte auch sagen: das Faktische oder Empirische — eher implizit bleibt. Welche höheren Erkenntnisfähigkeiten die Autorin genau ausgebildet hat, wird nicht gesagt. Soll ein Schüler nicht erwarten können, dass die Fähigkeiten der Lehrer öffentlich bekannt und/oder geprüft sind? In der Zukunft wird vielleicht so etwas möglich sein; wie der Weg dorthin aussieht ist noch unklar.
Das Ziel der Autorin ist aber wohltuend bescheiden — das Buch soll nützlich sein und helfen. Als kurze Einleitung in die anthroposophische Meditation ist es vermutlich eines der besten Bücher, die derzeit zur Verfügung stehen.

„Deliverance of the Spellbound God: An Experimental Journey into Easter and Western Meditation practices” von Marie-Laure Valandro (Lindisfarne Books 2011).
In diesem wenig bekannten Buch geht es vor allem um persönliche Erlebnisse mit anthroposophischer und buddhistischer Meditation. Die Autorin berichtet aus ihrem Leben und ihrer Begegnung mit der Vipassana-Meditation, wie sie heute weltweit verbreitet und Ausgangspunkt auch für das Mindfulness-based-stress-reduction-Programm ist. Diese Meditation, die die Autorin in der Linie von Satya Narayan Goenka kennengelernt hat, hat für sie zu einer starken Destabilisierung der Persönlichkeit geführt. Gleichzeitig mit dieser Destabilisierung sind tiefe geistige Erlebnisse aufgetreten, die sehr offen dargestellt werden. Durch eine spätere Begegnung mit der anthroposophischen Meditation hat sie sich wieder stabilisiert, und durch die Anthroposophie hat sie auch die Möglichkeit gefunden ihre frühere Erlebnissen zu verstehen.
Obwohl das Buch als Fallbeispiel sehr anregend ist, erscheint dieser letzte Punkt problematisch. Steiners Ausführungen zur östlichen Tradition können nicht, wie die Autorin das tut, ohne weiteres auf die Vipassana-Tradition übertragen werden. Die von Goenka begründete Tradition gehört zu einer etwa 100 Jahre alten Laienbewegung in Burma, deren Meditationstechniken vermutlich Neuerfindungen sind. Die langen Passagen von Steiner, die im Buch zitiert werden, beziehen sich hauptsächlich auf alte Indischen Yogis. Ob eine Verbindung besteht zwischen dem, was Steiner als östliche Meditation bespricht, und dem, was im modernen Vipassana lebt, müsste besser ausgearbeitet werden, wenn das Buch als ganzes überzeugend erscheinen soll.
Trotzdem liefert das Buch ein sehr wichtiges Fallbeispiel zur anthroposophischen Meditationsliteratur. Es wäre schön, wenn es mehrere solcher Fallbeispiel gäbe, da sich dadurch deutlich zeigen kann, wie (und überhaupt dass) Meditation tatsächlich sehr wirksam sein kann, und eventuell auch, was im anthroposophischen Verständnis der Meditation noch zu entwickeln ist.

Fritz Helmut Hemmerich: Meditation für ein erstes Erwachen. Besprechung von Curro Cachinero in Das Goetheanum Nr. 21/2014.

Rudolf Steiner: Intuition. Brennpunkt des Denkens. Herausgegeben von Edward de Boer. Gelb-orange leuchtet einem das kleine Buch entgegen und gibt so die Stimmung vor, mit dem man es lesen kann: freudig. Denn Edward de Boer hat sich nicht nur die Mühe gemacht, zusammenzusuchen, was Rudolf Steiner zum Thema Intuition gesagt hat, sondern er ordnet die verschiedenen Passagen auch in sinnvoller Weise an. Insgesamt nämlich ist das Buch chronologisch aufgebaut – es geht los mit Goethe, dann folgen Steiners philosophischer Intuitionsbegriff und die Intuition im Rahmen des anthroposophischen Schulungsweges, bis die letzten Kapitel sich der Intuition in der Schicksalserkenntnis und in einzelnen Fachbereichen zuwenden. Aber nicht nur die Abfolge der Kapitel zeichnet die Entwicklung des Intuitionsbegriffes bei Steiner nach, sondern auch jedes einzelne der acht Kapitel ist chronologisch aufgebaut: zunächst werden die schriftlichen Äußerungen vorgestellt, sodann in wiederum chronologischer Reihenfolge Passagen aus dem Vortragswerk angeschlossen.
Diese Darreichungsform ist dem Thema angemessen. Denn so entsteht beim Lesen eine sich verwandelnde Reihe, in der der Begriff nicht definiert, sondern immer wieder neu erfahren wird. Solche Begriffsreihen gibt Steiner aber gerade als Übung für die Intuition an.
Eine Kuriosität findet sich in der Einleitung, wo auf eine besondere und einmalige Textstelle hingewiesen wird, in der Steiner auf Intuition als eine geistige Wesenheit hinweist. Ausgerechnet diese Stelle ist jedoch in der letzten Phase der Fertigstellung aus dem Buch herausgefallen. Das tut der Qualität des Buches aber keinen Abbruch: es lohnt sich rundum.
Aber ich habe doch nachgefragt: die verschwundene Passage findet sich am 28.10.1909 im „Wesen der Künste“  (GA 271).

Last but überhaupt nicht least dürfen wir Sie auf zwei neue Facetten hinweisen: Frank Burdich reflektiert seine übersinnlichen Erfahrungen als dialogisches Prinzip. Und Robin Engelen zeigt Ansatzpunkte wesenhafter Erfahrung im Hören und der Welt des Musikalischen auf.

Im Anschluss an den letzten Newsletter vom April 2014 hat sich in den Kommentaren eine kleine, interessante Diskussion über die Frage des Verhältnisses verschiedener meditativer Wege zur Anthroposophie entwickelt. Insbesondere ging es um den Stellenwert des Loslassens und der Stille. Interessant wären hier vielleicht noch weitere Erfahrungsberichte, die gerne auch – wenn sie kurz und poetisch sind – als Facette auf dieser Website veröffentlicht werden können.
Ebenso gab es Kommentare und auch Zuschriften zur im letzten Newsletter zitierten Passage aus dem Landwirtschaftlichen Kurs Steiners über Meditation. Dieses Thema harrt aber noch der genaueren Bearbeitung. Ob es irgendwelche Messungen über die Veränderungen der ausgeatmeten Luft beim Meditieren vielleicht schon gibt? Oder wenigstens Ideen dazu?

Ach ja, und die nächste, im Juli erschienene Nummer von Evolve hat übrigens den Titel „Maschinen meditieren nicht“. Sie beschäftigt sich von verschiedenen und zum Teil überraschenden Seiten mit dem Transhumanismus, also mit der Zukunft der Menschheit. Wir diese Zukunft technisch oder meditativ erreicht? Das Heft lotet dieses Spannungsfeld auf – Editorial, Inhaltsverzeichnis und Auszüge aus einem Interview mit Arthur Zajonc geben einen ersten Eindruck.

Kommentare

  • Vielen herzlichen Dank für diese Fülle von Anregungen!

  • Zu der Rezension des Buches von Marie Laure-Valandro:

    “ Steiners Ausführungen zur östlichen Tradition können nicht, wie die Autorin das tut, ohne weiteres auf die Vipassana-Tradition übertragen werden.“

    Dem kann ich nur zustimmen. Das gilt allerdings nattürlich auch für die sich vor allem in den letzten 2 Jahrzehnten in Europa und den USA ausbreitende spirituelle Richtung des Satsang/Advaita; dessen „geistiger Vater“ war Ramana Maharshi, seine „Lehre“ (wenn man sie so nennen will) wurde lange nach Steiners Tod konzipiert.