Meditieren lernen: Achtsamkeit im Silicon Valley, MBSR und das christliche Herzensgebet – Anthroposophische Meditation und Bewusstsein, Introspektion, ein Aufsatz von Ulrich Weger und die Sommertagung in Zürich – Geistige Forschung denken, übersinnliche Wahrnehmungen und deren Erforschung am Mind&Life-Institute – Hinweise auf zwei Bücher und eine rätselhafte Aussage Steiners über Meditation. Von Anna-Katharina Dehmelt und Terje Sparby.

 

Vor einiger Zeit gab es in der ZEIT unter der Überschrift Sie sind alle Omline eine Reportage über die Achtsamkeits-Bewegung im Silicon Valley: „Ihr Kraftzentrum hat die wachsende Achtsamkeitsgemeinde nicht zufällig in der Heimat derjenigen Firmen, die ursächlich am Entstehen des Problems beteiligt sind“, beteiligt sind an Beschleunigung, Digitalisierung der Wirklichkeit und der Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Facebook, Google & Co. bieten ihren Mitarbeitern Achtsamkeitstrainings und Meditation während der Arbeitszeit. Die Meditation fusst auf dem Zen-Buddhismus, der im Laufe der Jahrhunderte und schließlich auf dem Weg nach Westen seine „Metaphysik abstreifte und nunmehr eine rein innerweltliche Orientierung anbietet“ oder auf dem Mindfulness-basierten Training zur Stressreduktion (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn, das seinerseits vom Vipassana inspiriert ist, einem ebenso entspiritualisierten, dafür aber umso weiter verbreiteten Grundlagentraining in Achtsamkeit und Meditation.
Die Verfasser des Artikels gehen auch der Frage nach, wie sich diese neue Meditationsbewegung in den Firmen ausnimmt. Sie beschreiben, wie die Zunahme von Digitalisierung und Beschleunigung ein Gegengewicht braucht – eine Charakterisierung die uns an eine Darstellung Steiners erinnert:

Zunehmend „gleitet die Kulturbetätigung der Menschen allmählich nicht nur in die untersten Gebiete der Natur, sondern unter die Natur hinunter. Die Technik wird Unter-Natur. Das erfordert, dass der Mensch erlebend eine Geist-Erkenntnis finde, in der er sich eben so hoch in die Über-Natur erhebt, wie er mit der unternatürlichen technischen Betätigung unter die Natur hinuntersinkt. Er schafft dadurch in seinem Innern die Kraft, nicht unterzusinken.“ Die Autoren bewegen dann allerdings auch die Frage, inwiefern die Firmen im Silicon Valley durch ihre Meditations-Angebote tatsächlich eine solche Über-Natur-Kultur fördern wollen oder ob sie viel eher zu einer Verquickung und Verstrickung der beiden Bereiche beitragen.

Das MBSR-Training nach Jon Kabat-Zinn ist auch in Deutschland enorm weit verbreitet und dürfte sehr zur Bekanntheit von Meditation beigetragen haben. Das klinisch erprobte und von den Krankenkassen unterstützte Programm wird in einem Kurs durch acht Wochen mit acht Kurseinheiten erübt und durch die alltägliche Praxis von Meditation sowie Achtsamkeitsübungen mit Bezug auf den Körper, das eigene Innenleben und die Umgebung begleitet. Das Programm hat signifikante Effekte, von denen kürzlich einmal wieder in Spiegel Wissen berichtet wurde. Es eignet sich gut als allererste Einführung in die Meditation, weil es völlig voraussetzungslos ist und ohne Bindung an ein bestimmtes spirituelles System auskommt. Ziel ist Achtsamkeit im Jetzt, wozu gehört, das freilaufende Denken und Fühlen immer besser abzuschalten und sich ganz auf die derzeitige Situation und Tätigkeit einzulassen.

Ein Meditations-Programm ganz anderer Art verbreitet sich immer mehr in kirchlichen und insbesondere katholischen Kreisen. Hier steht das ursprünglich aus der orthodoxen Kirche stammende Herzensgebet mit dem Namen ‚Jesus Christus’ im Vordergrund. Der Jesuitenpater Franz Jalics hat für die Einübung dieses Gebetes einen 10tägigen Kurs entwickelt, der auch Elemente der igantianischen Exerzitien aufgreift. Auch hier wird das Meditieren von Grund auf gelernt, auch hier stehen Präsenz und Achtsamkeit im Vordergrund, während die spirituelle Einbindung natürlich gegeben ist. Die Einübung in die Praxis des Herzensgebetes kann man heute an vielen Orten lernen.
Die anthroposophische Ärztin Alla Selawry hat intensiv mit dem Herzensgebet gelebt. Unter dem Titel „Das immerwährende Herzensgebet. Ein Weg geistiger Erfahrung“ (Weilheim 1970) hat sie aus der Philokalie ein Textsammlung zusammengestellt, die in das Herzensgebet einführt.
In diesem Zusammenhang ist auch das ‚Symposium Kontemplation‘ in Wien am 15./16.2013 interessant gewesen, das der christlichen Meditations- bzw. Kontemplationspraxis nachspürte. Karl Baier, Autor des Standardwerkes “Meditation und Moderne”, hielt dort einen Vortrag zur Geschichte von Meditation und Kontemplation im Christentum und ihrer Bedeutung für die Spiritualitätsgeschichte, der online nachgehört werden kann.

 

Präsenz und Achtsamkeit sind gute Voraussetzungen auch für die anthroposophische Meditation, die in ihrem Kernanliegen aber darüber hinausgeht. Denn ihr Anliegen ist es, die präsente Gegenwart nicht nur als präsent, sondern auch in ihren geistigen Tiefen und ihrer Konkretheit zu erfassen. Neben vielen Meditationen von Rudolf Steiner, die diesbezügliche Fähigkeiten auszubilden geeignet sind, richtet Steiner später sein Augenmerk auf die Grundlegung geistiger Konkretheiten im menschlichen Bewusstsein. Denkend erforscht das Bewusstsein sich selbst und erweitert und vertieft sich dabei, so stellt Steiner diesen Ansatz 1917 in „Von Seelenrätseln“ dar.
Die Idee des Bewusstseins ist auch zum Ausgangspunkt im Kolloqium Anthroposophische Meditation und akademische Meditationsforschung   geworden. Beim letzten Treffen am 12. November 2013 wurde unter anderem die Idee des Bewusstseins mit seinem Erleben von Qualitäten der Welt und seiner Intentionalität, wie es in der akademischen Wissenschaft beschrieben wird, mit der Steinerschen Idee des Bewusstseins und des Selbstbewusstseins und der daraus hervorgehenden Meditations- und Forschungspraxis verschränkt.
Die Erforschung des Bewusstseins durch Selbstbeobachtung und –vollzug findet auch in der akademischen Meditationsforschung zunehmende Beachtung. Einen Überblick über dieses Thema bietet William Adams in „Scientific Introspection: A Method for Investigation the Mind“, das Johannes Wagemann im Rose Magazin besprochen hat . Kritischen Aufschluss über den derzeitigen Stand der neurowissenschaftlichen Erforschung des Bewusstseins findet sich übrigens neuerdings im Memorandum „Reflexive Neurowissenschaft“ einer Gruppe deutschsprachiger Wissenschaftler.
Einen konkreten Einblick in solche Bewusstseinsforschung bietet Ulrich Weger im Februar-Heft von Die Drei. Unter dem Titel „Die Frage nach Seele und Geist im Psychologiestudium“ untersucht der Professor an der Universität Witten-Herdecke einen bewusstseinsforscherisch getragenen Zugang zur Selbstbeobachtung von Denken, Fühlen und Wollen und deren Vertiefung zu Imagination, Inspiration und Intuition.
Das Thema Bewusstsein wird auch im Mittelpunkt der Sommertagung in Zürich stehen, die vom 13. bis 18. Juli 2014 unter dem Thema „Bewusstsein und Meditationsforschung“stehen  .

 

Im letzten Newsletter wurde berichtet über die verschiedenen Zugänge zu übersinnlichen Erfahrungen, wie sie einerseits mehr von einer Vertiefung in die Wahrnehmung ausgehen, andererseits mehr von der Vertiefung des Denkens und der Beobachtung des Bewusstseins. Mittlerweile hat am 18. März 2014 in Frankfurt am Main vom Institut für anthroposophische Meditation gemeinsam mit dem D.N.Dunlop-Institut Link ein erstes Kolloqium „Geistige Forschung denken“ stattgefunden. Nach einer allgemeinen Einführung in die Bedeutung von Wahrnehmung und Denken für die geistige Forschung und deren Gewichtung im Werk von Rudolf Steiner wurde am Vormittag eine inspirative Erfahrung beschrieben und anschließend sorgfältig beleuchtet und untersucht. Am Nachmittag ging es um den Übergang von der Naturbeobachtung zur übersinnlichen Naturwahrnehmung. Für beide Themen war es wichtig, das Vorgehen und die Beschreibungen enorm zu verlangsamen, so dass die Vollzüge und inneren Beobachtungen wirklich ins Bewusstsein genommen werden konnten. Die Arbeit wird fortgesetzt.

Auch die Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland haben ihre Serie zur übersinnlichen Wahrnehmung fortgesetzt. Im Februar fand sich von Astrid Engelbrecht ein Text mit dem Titel „Meditation und Gesundheit“, im März und April gab es einen Artikel von Dorian Schmidt „Über Meditation“ , in dem er auch unsere diesbezüglichen Ausführungen im letzten Newsletter aufgreift.

Terje Sparby, der derzeit zu einem Forschungsaufenthalt am Mind & Life Institute in den USA weilt, ist dort in Berührung mit dem “Varieties of Contemplative Experience”-Projekt gekommen. Das von Willoughby B. Britton geleitete Projekt versucht einen Überblick über Meditationserfahrungen bei fortgeschritten meditierenden Menschen zu erhalten. Bis jetzt hat man sich in der Meditationsforschung besonders auf die positiven gesundheitlichen Folgen der Meditation konzentriert. In den verschiedenen kontemplativen und meditativen Traditionen werden neben positiven Erfahrungen wie Glückseligkeit aber auch eher herausfordernde Erfahrungen beschrieben. Diese Breite der Erfahrungen wurde in der Meditationsforschung bisher nicht berücksichtigt, und unter anderem deshalb sind westliche Meditationslehrer oft nicht gut vorbereitet auf die große Vielfalt möglicher Erfahrungen.
Das Projekt basiert auf Interviews mit meditierenden Menschen aus unterschiedlichen Traditionen. Die meisten stammen aus der Theravada-Linie des Buddhismus, aber das Spektrum wird erweitert. Als Ziel möchte man eine Taxonomie der Meditationserfahrungen entwickeln mit einer Art Wegweiser zu den unterschiedlichen Meditationstechniken und wie man mit den Schwierigkeiten der Meditation umgehen kann. Kürzlichist die erste Publikation des Projekts über Licht-Erfahrungen in der Meditation erschienen.

 

Hingewiesen sei zum Schluss noch auf zwei Bücher:
Klaus Bracker stellt in „Veda und lebendiger Logos“ Rudolf Steiner und Sri Aurobindo und damit auch Anthroposophie und Yoga gegenüber. Unter der Überschrift „Yoga als Arbeitsauftrag für Anthroposophen“ brachte Info 3 im März 2014 ein Interview mit dem Autor.
Das Standardwerk zur Bildekräfteforschung von Dorian Schmidt „Lebenskräfte – Bildekräfte“ liegt nun in englischer Übersetzung vor: „Life Forces – Formative Forces. Researching the formative energy of life an growth”. Das Buch ist bei Hawthorn Press erschienen und enthält eine Einführung des Arztes David Martin.

 

Und abschließend möchten wir Ihnen eine relativ unbekannte Aussage Steiners über Meditation nicht vorenthalten. Sie findet sich im sogenannten Landwirtschaftlichen Kurs, den Vorträgen „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“. Die betreffende Passage findet sich im dritten Vortrag, wo Steiner über die Grundstoffe Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff sowie Phosphor und Schwefel spricht. Vielleicht gibt es jemanden, der in dieser Richtung Erfahrungen hat und etwas zum Verständnis dieser Passage beitragen kann?

„Sehen Sie, wenn man meditiert — ich muß das schon einfügen, damit Sie sehen, daß solche Dinge nicht im blauen Dunst des Geistes gefaßt werden —, was tut man denn da eigentlich? Der Orientale hat es auf seine Art getan. Wir im mitteleuropäischen Okzident, wir machen es auf unsere Weise. Wir vollbringen eine Meditation, die sich nur mittelbar anlehnt an den Atmungsprozeß, wir weben und leben in Konzentration und Meditation. Aber das alles, was wir da tun, indem wir uns den seelischen Übungen hingeben, hat doch, wenn auch nur eine ganz leise, subtile, körperliche Gegenseite. Es wird immer, wenn auch nur eben in ganz subtiler Weise, durch das Meditieren der regelmäßige Gang des Atmens, dasjenige, was mit dem menschlichen Leben so eng zusammenhängt, etwas abgeändert. Wir behalten meditierend immer die Kohlensäure etwas mehr in uns als beim gewöhnlichen, wachen Bewußtseinsprozeß. Immer bleibt etwas mehr Kohlensäure in uns. Dadurch stoßen wir nicht so, wie man es im gewöhnlichen stierhaften Leben macht, stets immer gleich die ganze Wucht der Kohlensäure ab. Wir behalten noch etwas zurück. Wir stoßen nicht die ganze Wucht der Kohlensäure da hinaus, wo uns überall der Stickstoff umgibt. Wir behalten etwas zurück.
Nun sehen Sie, wenn Sie an etwas mit dem Schädel anstoßen wie an einen Tisch, so werden Sie nur Ihres eigenen Schmerzes dabei bewußt, wenn Sie aber sanfter reiben, werden Sie sich der Oberfläche des Tisches bewußt und so weiter. So ist es auch, wenn Sie meditieren. Sie wachsen allmählich herein in ein Erleben des Stickstoffes rings um Sie herum. Das ist der reale Vorgang beim Meditieren. Alles wird Erkenntnis, auch dasjenige, was in dem Stickstoff lebt. Denn dieser ist ein sehr gescheiter Kerl, er unterrichtet einen über dasjenige, was Merkur, Venus und so weiter tun, weil er das weiß, es eben empfindet. Alle diese Dinge beruhen auf durchaus realen Vorgängen.“