Newsletter April

Meditieren lernen: Achtsamkeit im Silicon Valley, MBSR und das christliche Herzensgebet – Anthroposophische Meditation und Bewusstsein, Introspektion, ein Aufsatz von Ulrich Weger und die Sommertagung in Zürich – Geistige Forschung denken, übersinnliche Wahrnehmungen und deren Erforschung am Mind&Life-Institute – Hinweise auf zwei Bücher und eine rätselhafte Aussage Steiners über Meditation. Von Anna-Katharina Dehmelt und Terje Sparby.

 

Vor einiger Zeit gab es in der ZEIT unter der Überschrift Sie sind alle Omline eine Reportage über die Achtsamkeits-Bewegung im Silicon Valley: „Ihr Kraftzentrum hat die wachsende Achtsamkeitsgemeinde nicht zufällig in der Heimat derjenigen Firmen, die ursächlich am Entstehen des Problems beteiligt sind“, beteiligt sind an Beschleunigung, Digitalisierung der Wirklichkeit und der Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Facebook, Google & Co. bieten ihren Mitarbeitern Achtsamkeitstrainings und Meditation während der Arbeitszeit. Die Meditation fusst auf dem Zen-Buddhismus, der im Laufe der Jahrhunderte und schließlich auf dem Weg nach Westen seine „Metaphysik abstreifte und nunmehr eine rein innerweltliche Orientierung anbietet“ oder auf dem Mindfulness-basierten Training zur Stressreduktion (MBSR) nach Jon Kabat-Zinn, das seinerseits vom Vipassana inspiriert ist, einem ebenso entspiritualisierten, dafür aber umso weiter verbreiteten Grundlagentraining in Achtsamkeit und Meditation.
Die Verfasser des Artikels gehen auch der Frage nach, wie sich diese neue Meditationsbewegung in den Firmen ausnimmt. Sie beschreiben, wie die Zunahme von Digitalisierung und Beschleunigung ein Gegengewicht braucht – eine Charakterisierung die uns an eine Darstellung Steiners erinnert:

Zunehmend „gleitet die Kulturbetätigung der Menschen allmählich nicht nur in die untersten Gebiete der Natur, sondern unter die Natur hinunter. Die Technik wird Unter-Natur. Das erfordert, dass der Mensch erlebend eine Geist-Erkenntnis finde, in der er sich eben so hoch in die Über-Natur erhebt, wie er mit der unternatürlichen technischen Betätigung unter die Natur hinuntersinkt. Er schafft dadurch in seinem Innern die Kraft, nicht unterzusinken.“ Die Autoren bewegen dann allerdings auch die Frage, inwiefern die Firmen im Silicon Valley durch ihre Meditations-Angebote tatsächlich eine solche Über-Natur-Kultur fördern wollen oder ob sie viel eher zu einer Verquickung und Verstrickung der beiden Bereiche beitragen.

Das MBSR-Training nach Jon Kabat-Zinn ist auch in Deutschland enorm weit verbreitet und dürfte sehr zur Bekanntheit von Meditation beigetragen haben. Das klinisch erprobte und von den Krankenkassen unterstützte Programm wird in einem Kurs durch acht Wochen mit acht Kurseinheiten erübt und durch die alltägliche Praxis von Meditation sowie Achtsamkeitsübungen mit Bezug auf den Körper, das eigene Innenleben und die Umgebung begleitet. Das Programm hat signifikante Effekte, von denen kürzlich einmal wieder in Spiegel Wissen berichtet wurde. Es eignet sich gut als allererste Einführung in die Meditation, weil es völlig voraussetzungslos ist und ohne Bindung an ein bestimmtes spirituelles System auskommt. Ziel ist Achtsamkeit im Jetzt, wozu gehört, das freilaufende Denken und Fühlen immer besser abzuschalten und sich ganz auf die derzeitige Situation und Tätigkeit einzulassen.

Ein Meditations-Programm ganz anderer Art verbreitet sich immer mehr in kirchlichen und insbesondere katholischen Kreisen. Hier steht das ursprünglich aus der orthodoxen Kirche stammende Herzensgebet mit dem Namen ‚Jesus Christus’ im Vordergrund. Der Jesuitenpater Franz Jalics hat für die Einübung dieses Gebetes einen 10tägigen Kurs entwickelt, der auch Elemente der igantianischen Exerzitien aufgreift. Auch hier wird das Meditieren von Grund auf gelernt, auch hier stehen Präsenz und Achtsamkeit im Vordergrund, während die spirituelle Einbindung natürlich gegeben ist. Die Einübung in die Praxis des Herzensgebetes kann man heute an vielen Orten lernen.
Die anthroposophische Ärztin Alla Selawry hat intensiv mit dem Herzensgebet gelebt. Unter dem Titel „Das immerwährende Herzensgebet. Ein Weg geistiger Erfahrung“ (Weilheim 1970) hat sie aus der Philokalie ein Textsammlung zusammengestellt, die in das Herzensgebet einführt.
In diesem Zusammenhang ist auch das ‚Symposium Kontemplation‘ in Wien am 15./16.2013 interessant gewesen, das der christlichen Meditations- bzw. Kontemplationspraxis nachspürte. Karl Baier, Autor des Standardwerkes “Meditation und Moderne”, hielt dort einen Vortrag zur Geschichte von Meditation und Kontemplation im Christentum und ihrer Bedeutung für die Spiritualitätsgeschichte, der online nachgehört werden kann.

 

Präsenz und Achtsamkeit sind gute Voraussetzungen auch für die anthroposophische Meditation, die in ihrem Kernanliegen aber darüber hinausgeht. Denn ihr Anliegen ist es, die präsente Gegenwart nicht nur als präsent, sondern auch in ihren geistigen Tiefen und ihrer Konkretheit zu erfassen. Neben vielen Meditationen von Rudolf Steiner, die diesbezügliche Fähigkeiten auszubilden geeignet sind, richtet Steiner später sein Augenmerk auf die Grundlegung geistiger Konkretheiten im menschlichen Bewusstsein. Denkend erforscht das Bewusstsein sich selbst und erweitert und vertieft sich dabei, so stellt Steiner diesen Ansatz 1917 in „Von Seelenrätseln“ dar.
Die Idee des Bewusstseins ist auch zum Ausgangspunkt im Kolloqium Anthroposophische Meditation und akademische Meditationsforschung   geworden. Beim letzten Treffen am 12. November 2013 wurde unter anderem die Idee des Bewusstseins mit seinem Erleben von Qualitäten der Welt und seiner Intentionalität, wie es in der akademischen Wissenschaft beschrieben wird, mit der Steinerschen Idee des Bewusstseins und des Selbstbewusstseins und der daraus hervorgehenden Meditations- und Forschungspraxis verschränkt.
Die Erforschung des Bewusstseins durch Selbstbeobachtung und –vollzug findet auch in der akademischen Meditationsforschung zunehmende Beachtung. Einen Überblick über dieses Thema bietet William Adams in „Scientific Introspection: A Method for Investigation the Mind“, das Johannes Wagemann im Rose Magazin besprochen hat . Kritischen Aufschluss über den derzeitigen Stand der neurowissenschaftlichen Erforschung des Bewusstseins findet sich übrigens neuerdings im Memorandum „Reflexive Neurowissenschaft“ einer Gruppe deutschsprachiger Wissenschaftler.
Einen konkreten Einblick in solche Bewusstseinsforschung bietet Ulrich Weger im Februar-Heft von Die Drei. Unter dem Titel „Die Frage nach Seele und Geist im Psychologiestudium“ untersucht der Professor an der Universität Witten-Herdecke einen bewusstseinsforscherisch getragenen Zugang zur Selbstbeobachtung von Denken, Fühlen und Wollen und deren Vertiefung zu Imagination, Inspiration und Intuition.
Das Thema Bewusstsein wird auch im Mittelpunkt der Sommertagung in Zürich stehen, die vom 13. bis 18. Juli 2014 unter dem Thema „Bewusstsein und Meditationsforschung“stehen  .

 

Im letzten Newsletter wurde berichtet über die verschiedenen Zugänge zu übersinnlichen Erfahrungen, wie sie einerseits mehr von einer Vertiefung in die Wahrnehmung ausgehen, andererseits mehr von der Vertiefung des Denkens und der Beobachtung des Bewusstseins. Mittlerweile hat am 18. März 2014 in Frankfurt am Main vom Institut für anthroposophische Meditation gemeinsam mit dem D.N.Dunlop-Institut Link ein erstes Kolloqium „Geistige Forschung denken“ stattgefunden. Nach einer allgemeinen Einführung in die Bedeutung von Wahrnehmung und Denken für die geistige Forschung und deren Gewichtung im Werk von Rudolf Steiner wurde am Vormittag eine inspirative Erfahrung beschrieben und anschließend sorgfältig beleuchtet und untersucht. Am Nachmittag ging es um den Übergang von der Naturbeobachtung zur übersinnlichen Naturwahrnehmung. Für beide Themen war es wichtig, das Vorgehen und die Beschreibungen enorm zu verlangsamen, so dass die Vollzüge und inneren Beobachtungen wirklich ins Bewusstsein genommen werden konnten. Die Arbeit wird fortgesetzt.

Auch die Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland haben ihre Serie zur übersinnlichen Wahrnehmung fortgesetzt. Im Februar fand sich von Astrid Engelbrecht ein Text mit dem Titel „Meditation und Gesundheit“, im März und April gab es einen Artikel von Dorian Schmidt „Über Meditation“ , in dem er auch unsere diesbezüglichen Ausführungen im letzten Newsletter aufgreift.

Terje Sparby, der derzeit zu einem Forschungsaufenthalt am Mind & Life Institute in den USA weilt, ist dort in Berührung mit dem “Varieties of Contemplative Experience”-Projekt gekommen. Das von Willoughby B. Britton geleitete Projekt versucht einen Überblick über Meditationserfahrungen bei fortgeschritten meditierenden Menschen zu erhalten. Bis jetzt hat man sich in der Meditationsforschung besonders auf die positiven gesundheitlichen Folgen der Meditation konzentriert. In den verschiedenen kontemplativen und meditativen Traditionen werden neben positiven Erfahrungen wie Glückseligkeit aber auch eher herausfordernde Erfahrungen beschrieben. Diese Breite der Erfahrungen wurde in der Meditationsforschung bisher nicht berücksichtigt, und unter anderem deshalb sind westliche Meditationslehrer oft nicht gut vorbereitet auf die große Vielfalt möglicher Erfahrungen.
Das Projekt basiert auf Interviews mit meditierenden Menschen aus unterschiedlichen Traditionen. Die meisten stammen aus der Theravada-Linie des Buddhismus, aber das Spektrum wird erweitert. Als Ziel möchte man eine Taxonomie der Meditationserfahrungen entwickeln mit einer Art Wegweiser zu den unterschiedlichen Meditationstechniken und wie man mit den Schwierigkeiten der Meditation umgehen kann. Kürzlichist die erste Publikation des Projekts über Licht-Erfahrungen in der Meditation erschienen.

 

Hingewiesen sei zum Schluss noch auf zwei Bücher:
Klaus Bracker stellt in „Veda und lebendiger Logos“ Rudolf Steiner und Sri Aurobindo und damit auch Anthroposophie und Yoga gegenüber. Unter der Überschrift „Yoga als Arbeitsauftrag für Anthroposophen“ brachte Info 3 im März 2014 ein Interview mit dem Autor.
Das Standardwerk zur Bildekräfteforschung von Dorian Schmidt „Lebenskräfte – Bildekräfte“ liegt nun in englischer Übersetzung vor: „Life Forces – Formative Forces. Researching the formative energy of life an growth”. Das Buch ist bei Hawthorn Press erschienen und enthält eine Einführung des Arztes David Martin.

 

Und abschließend möchten wir Ihnen eine relativ unbekannte Aussage Steiners über Meditation nicht vorenthalten. Sie findet sich im sogenannten Landwirtschaftlichen Kurs, den Vorträgen „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“. Die betreffende Passage findet sich im dritten Vortrag, wo Steiner über die Grundstoffe Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff sowie Phosphor und Schwefel spricht. Vielleicht gibt es jemanden, der in dieser Richtung Erfahrungen hat und etwas zum Verständnis dieser Passage beitragen kann?

„Sehen Sie, wenn man meditiert — ich muß das schon einfügen, damit Sie sehen, daß solche Dinge nicht im blauen Dunst des Geistes gefaßt werden —, was tut man denn da eigentlich? Der Orientale hat es auf seine Art getan. Wir im mitteleuropäischen Okzident, wir machen es auf unsere Weise. Wir vollbringen eine Meditation, die sich nur mittelbar anlehnt an den Atmungsprozeß, wir weben und leben in Konzentration und Meditation. Aber das alles, was wir da tun, indem wir uns den seelischen Übungen hingeben, hat doch, wenn auch nur eine ganz leise, subtile, körperliche Gegenseite. Es wird immer, wenn auch nur eben in ganz subtiler Weise, durch das Meditieren der regelmäßige Gang des Atmens, dasjenige, was mit dem menschlichen Leben so eng zusammenhängt, etwas abgeändert. Wir behalten meditierend immer die Kohlensäure etwas mehr in uns als beim gewöhnlichen, wachen Bewußtseinsprozeß. Immer bleibt etwas mehr Kohlensäure in uns. Dadurch stoßen wir nicht so, wie man es im gewöhnlichen stierhaften Leben macht, stets immer gleich die ganze Wucht der Kohlensäure ab. Wir behalten noch etwas zurück. Wir stoßen nicht die ganze Wucht der Kohlensäure da hinaus, wo uns überall der Stickstoff umgibt. Wir behalten etwas zurück.
Nun sehen Sie, wenn Sie an etwas mit dem Schädel anstoßen wie an einen Tisch, so werden Sie nur Ihres eigenen Schmerzes dabei bewußt, wenn Sie aber sanfter reiben, werden Sie sich der Oberfläche des Tisches bewußt und so weiter. So ist es auch, wenn Sie meditieren. Sie wachsen allmählich herein in ein Erleben des Stickstoffes rings um Sie herum. Das ist der reale Vorgang beim Meditieren. Alles wird Erkenntnis, auch dasjenige, was in dem Stickstoff lebt. Denn dieser ist ein sehr gescheiter Kerl, er unterrichtet einen über dasjenige, was Merkur, Venus und so weiter tun, weil er das weiß, es eben empfindet. Alle diese Dinge beruhen auf durchaus realen Vorgängen.“

Kommentare

  • Ihr lieben leute !

    Dankeschln dür die newslertter… Sie sind für uns Anthroposophen so Horizont erweiternd, und für interessierte Nichtanthros auch, da sie in so schöner Weise darauf aufmerksam machen.

    Machen wir alle schön weiter , jeder auf seinem Felde.

    Hier in Freiburg gibt es eine Montagsarbeitsgruppe in der wiehreschule, da arbeiten wir seit Monaten an dem Vortrag : wie kann die seelische Not ser gegenwart überwunden werden. da denkt man, wenn man den titel hört, kenn ich schon… Mir geht es so, kenn ich gar, gar nicht, auch jetzt nach monatelangem daran arbeiten noch nicht. Er ist sehr zentral. wir haben uns die Vorträge zu den Temperamenten dazugenommen, denn es geht darum Karmaerkenntnis zu erlangen, wenn man daran, an der Erkenntnis dieser Erlebnissqualitäten arbeitet.Da fangen wir ganz unten an, mit warm – kalt, feucht – trocken…… erleben üben.

    Ganz liebe Grüße, Sabine Hönig

  • „…Präsenz und Achtsamkeit sind gute Voraussetzungen auch für die anthroposophische Meditation, die in ihrem Kernanliegen aber darüber hinausgeht…“

    Interessanter Artikel. Ich frage mich allerdings, ob man den Weg des MBSR oder anderen moderneren spirituellen Strömungen mit der anthrop. Meditation vergleichen kann, bzw. ob man so einfach sagen kann, dass letztere über erstere „hinausgeht“.

    Es gibt ja eine vollständig andere Begrifflichkeit in der anthrop. Meditation und den Achtsamkeitsschulungen oder z.B. Advaita; den positiv besetzten Begriff des lebendigen Denkens gibt es dort ebensowenig wie den Steinerschen Begriff des Ich. Natürlich auch keine geistigen Wesen, Welten, usw.

    Im anthroposophischen gibt es primär das „Tun und Machen“: „Wie ERLANGT man…“, „Wer immer strebend sich bemüht…“, zahllose Übungen, die einem helfen von „hier“ nach „dort“ zu kommen; im MBSR oder Advaita gibt es vor allem die Haltung des geschehen-lassens, des sich vollständig in den Augenblick hinein entspannens, das Nicht-Tun. Auch in der Achtsamkeitmeditation versucht man nicht unbedingt etwas zu „erlangen“ (auch nicht Ruhe oder Stille).

    • Hallo Herr Herzog,

      ja, das ist ungeschickt formuliert mit dem ‚darüber hinausgehen‘. Eher sind es doch einfach verschiedene Gesichts- und Zugangspunkte – die sich aber letztendlich auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt beziehen.
      Die klassische östliche Meditation, die sich über das Loslassen alles Konkreten in irgendeiner Form auf ein leeres Bewusstsein (sei es dann als ‚Selbst‘ oder als ‚Nirvana‘ konzipiert) richtet ist etwas anderes als Präsenz und Achtsamkeit des Zen und wie sie im MBSR-Training gepflegt wird, und die anthroposophische Meditation hat in ihrer Konkretheit wieder einen anderen Ansatzpunkt. Die drei Asepkte verhalten sich zueinander vielleicht, in der Sprache des Christentums ausgedrückt, wie Vater, Sohn und Geist.
      Und nach meiner Erfahrung bereichern sich die drei Ansätze gegenseitig.

      Schöne Grüße!
      Anna-Katharina Dehmelt

  • Hallo Frau Dehmelt,

    da stimme ich Ihnen zu, dass die „klassische östliche Meditation“ einen anderen Schwerpunkt hat als MBSR oder Zen. Es gibt allerdings auch gerade in den letzten Jahren vermehrt Lehrer vor allem im europäischen und amerikanischen Raum, die die Radikalität des östlichen „Loslassens alles Konkreten“ verbinden mit therapeutischen und psychologischen Aspekten des Westens, diese Lehrer sind am ehesten in der Satsang/Advaita Szene anzutreffen (Gangaji, Eli Jaxon-Bear, OM C Parkin, u.v.a. – der für mich persönlich interessanteste und wichtigste Lehrer ist Christian Meyer in Berlin; von allen gibt es Filme auf Youtube oder Jetzt-TV).

    Eigentlich dachte ich bisher auch immer an eine gegenseitige Bereicherung der verschiedenen „östlichen“ Aspekte mit Anthroposophie, man kann aber auch, wenn man einen Weg intensiver verfolgt, an einen Punkt gelangen, wo man immer mehr eine Unvereinbarkeit erlebt (und sich eventuell entscheiden muss). So geht’s mir jedenfalls.

    Herzliche Grüße Rainer Herzog

    • Können Sie noch etwas mehr sagen zu den Unvereinbarkeiten?

  • Wie ich oben schon angedeutet habe: Im Advaita oder bei Lehrern wie Eckhart Tolle geht es primär nicht darum, zu einer „höheren, geistigeren“ Welt (oder Zustand) mit Hilfe verschiedener Übungen hingelangen zu wollen – man kann in gewisser Weise sogar entdecken, dass die zahllosen Übungen, Meditationen, usw. eventuell dafür benutzt werden, damit ich die Einfachheit und das So-sein dieses Augenblicks, das dazugehörige Gefühl (vielleicht Langeweile oder Unruhe oder eine Art Sucht nach geistigen Inhalten“) nicht spüren/erleben muss; das Element der Suche (welches bei der Anthroposophie eher stark ist) sowie das Element der Selbstoptimierung (nach den Übungen werde ich ruhiger, bewusster, liebevoller, ein besserer Mensch…) wird m.E. nicht klar erkannt und nicht hinterfragt.
    Lehrer wie die oben genannten (C.Meyer u.a.) sprechen davon, dass die „Übung“ (ihr Anfang) darin besteht, dass wahrzunehmen, was gerade da ist, auch das Gefühl, die Stimmung; (eigentlich noch mehr als „wahrzunehmen“, vielmehr das Gefühl, die Stimmung, ganz sein und vor allem NICHTS DAMIT MACHEN) – dann geschieht eine Art Fallen und etwas wie Stille oder Leere taucht auf (die tiefer und substantieller ist, als wenn ich die Stille von vornherein gesucht hätte).

    So in etwa, in aller Kürze. Andere „Unvereinbarkeiten“ sind natürlich auch die zahllosen „Informationen über die geistige Welt“ usw.

  • Guten Abend in die Runde!

    „Im anthroposophischen gibt es primär das “Tun und Machen”: “Wie ERLANGT man…”, “Wer immer strebend sich bemüht…”, zahllose Übungen, die einem helfen von “hier” nach “dort” zu kommen; im MBSR oder Advaita gibt es vor allem die Haltung des geschehen-lassens, des sich vollständig in den Augenblick hinein entspannens, das Nicht-Tun. Auch in der Achtsamkeitmeditation versucht man nicht unbedingt etwas zu “erlangen” (auch nicht Ruhe oder Stille).“
    Ja, da ist etwas dran: Anthroposophisches „Streben“ hat gewissermaßen immer ein Ziel, das man allerdings nie erreicht, weil es ja immer weiter geht. Man ist ja nie am Ende des Pfades.
    Und trotzdem ist andererseits das „Etwas–Erlangen-Wollen“ auch in der Anthroposophie nicht ausschließlich die richtige Haltung. Betont Steiner nicht häufig, dass Gelassenheit eben auch ein Lassen der Dinge beinhaltet? Man soll die jeweilige Situation doch nicht anders wünschen als sie ist. In diesem Zitat wird sehr deutlich wie sehr es auch um Ergebenheit geht:

    „Wer Rom sehen will, muss nach Rom fahren.
    Das ist in der physischen Welt ganz natürlich,
    denn Rom kommt nicht zu ihm.
    In der geistigen Welt
    ist es gerade umgekehrt.
    In der geistigen Welt können wir
    nichts anderes machen,
    als uns vorbereiten durch die Methoden,
    die geschildert werden,
    um die geistige Welt würdig zu empfangen:
    Seelenruhe,
    Verharren auf unserem Standort –
    dann kommt es zu uns heran.
    Wir müssen es erwarten in Seelenruhe.
    Das ist das Bedeutsame der Sache.
    Man bereite sich vor durch alles,
    was unser Denken und Fühlen
    gefügiger, gelenkiger macht,
    was unser Denken gleichsam dressiert,
    was unser Fühlen, unser Empfinden
    feiner, hingebungsvoller macht.
    Und dann warten, warten, warten!
    Das ist das goldene Wort:
    in Seelenruhe warten können.“
    Rudolf Steiner, GA 156, 3.10.1914

  • Hallo Ruth,
    danke für den Kommentar und das Zitat. Ja, Steiner hat den Aspekt des „in Seelenruhe warten können“ in seinem Schulungsweg sicherlich auch gehabt, bzw. seinen Schülern empfohlen. Nach meinem Eindruck überwiegt aber die Aktivität, das Tun und Machen in den Übungen des Gesamtwerkes (im Vergleich etwa zu östlichen Richtungen oder den oben von mir genannten Lehrern).

    Sehr radikal (und wie ich finde, gut beobachtet) hat der deutsche Lehrer OM C Parkin (ich glaube in seinem ersten Buch) dargestellt, dass fast alle westlichen Schüler immer irgendeine Übung „machen“ wollen – auch das Nicht-Tun will man tun, die Stille und Leere mehr oder weniger (ohne dass wir uns dieser inneren Bewegung vollständig bewusst sind) irgendwie aktiv herstellen; das radikale zurücktreten und Sein-Lassen kennen wir fast nicht (vielleicht haben wir letztendlich Angst, dass wir ohne Aktivität, ohne Ich, an dem wir festhalten, von der Stille und Leere vernichtet werden).

  • Na, dann stellt sich aber irgendwie die Frage: Was ist denn der Unterschied zwischen „Nicht-Tun“ TUN und Geschehen-Lassen? Fühlt sich das anders an? Sind die Rahmenbedingungen andere?
    Ist es nicht letztlich dasselbe? Eine gewisse Aktivität ist doch auch beim Geschehen-Lassen nötig: Sozusagen den Raum frei halten. Das ist nicht Nichts! Und dessen sind sich auch Tolle und Gangaji etc. bewusst, sonst hätten sie nicht ihre „Mission“, sie möchten ja auch Schüler auf den Weg bringen.
    Liebe Grüße
    Ruth

  • Das ist tatsächlich eine sehr interessante Frage, die mich seit langem beschäftigt. Es ist nach meiner Beobachtung durchaus so, dass die diversen Advaita/Satsang Lehrer unterschiedlich darauf antworten.

    Das Nicht-Tun kann man sich eigentlich nicht willentlich/gedanklich/bewusst „vornehmen“ – das wäre dann tatsächlich wieder eine Aktivität, die sich in die spirituelle Maske der Nondualität verkleidet. Man kann aber auf die vielen subtilen Formen des inneren Suchens aufmerksam werden, auf den dahinterstehenden und tiefliegenden Gedanken, dass man etwas braucht, um „vollständig“ zu sein (Und auf den Umstand, dass man sich durch die Formen des Suchens vom jetzigen Augenblick entfernt). Jeff Foster und A.H.Almaas z.b. haben diesen Aspekt öfter in ihren Büchern dargestellt.

    C.Meyer beschreibt das „Geschehen-Lassen“, wie ich finde, sehr differenziert in seinen Übungen: Es ist grundsätzlich immer eine Stimmung oder ein Gefühl in mir da, ohne dass ich es „mache“; manchmal ist es nur eine Unruhe oder (meistens) verschiedene Gefühle, Stimmungen gleichzeitig. Meine Aktivität besteht jetzt ausschließlich darin, dass ich (wenn möglich nach einem kurzen Body-Scan) diesen Stimmungen/Gefühlen Raum gebe, nichts mit ihnen mache und vor allem den inneren, mentalen Geschichten, die diese Gefühle begleiten, nicht nachgehe, mich nicht in sie verstricke. „Nicht-Tun“ heisst hier z.B. dass ich nicht die Stille oder den Frieden suche, das wäre dann ein künstlicher Friede, eine künstliche, gewollte Stille, ohne wirkliche Tiefe.

    Liebe Grüße Rainer

  • Danke für das hochinteressante Zitat aus Steiners Landwirtschftlichem Kurs und Ihre zugehörige Frage!
    Für die meditative Erkenntnis von Naturvorgängen hat Rudolf Steiner grundlegende Übungen im Kurs „Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes“ GA 134 angegeben.. Auf dieser Grundlage hat Georg Kühlewind einen reichhaltigen Übungsschatz in dem Buch „Der sanfte Wille“ entwickelt. Derartige Übungen werden vom „Freundeskreis Georg Kühlewind“ regelmäßig gepflegt.

    Die diesbezüglichen geistigen Forschungsergebnisse Rudolf Steiners können heute mit empfindlichen biochemischen Untersuchungsmethoden ergänzt und plausibilisiert werden, deren Grundlagen 1924 noch nicht einmal im Ansatz bekannt waren.
    Mit herzlichen Grüßen
    Adelhart Loge

  • Interessant! Von diesen empfindlichen biochemischen Untersuchungsmethoden habe ich noch nichts gehört. Man versucht also Ergebnisse von naturwissenschaftlichen Messungen auf Meditation zurückzuführen, also technisch messbare Größen auf geistige Prozesse?
    Viele Grüße

  • Was Rudolf Steiner im Zitat aus dem Landwirtschaftlichen Kurs beschreibt, sind geistige Erfahrungen aus der Meditation. Diese haben dazu aber bei uns Erdenmenschen immer auch ein körperliches Abbild, das dann naturwissenschaftlichen Messungen zugänglich ist. Rudolf Steiner beschreibt hier Änderungen der Kohlendioxidkonzentration im Körper, die während der Meditation auftreten und in der Meditation geistig erforscht werden können. Solche Konzentrationsänderungen im Blut können heute andererseits auch elegant durch die Haut hindurch elektrochemisch gemessen werden ( ein sehr schonendes kontinuierlich arbeitendes Messverfahren, das z. B. beim Monitoring in der Neonatologie häufig angewendet wird). Es ist also prinzipiell möglich, auch während einer Meditation eine solche Begleiterscheinung wie Konzentrationsänderungen mit zu erfassen, vorausgesetzt: man lässt sich von der Messapparatur nicht vom Meditieren ablenken. Das stelle ich mir allerdings schwierig vor.
    Herzliche Grüße

  • Hallo Frau Jäger, Herr Herzog und Herr Loge,

    danke für Ihre interessanten Beiträge!
    Wir werden im nächsten Newsletter noch einmal darauf zurückkommen.

    Herzliche Grüße!
    Anna-Katharina Dehmelt