Newsletter April

Eine Erfahrung des Absoluten – Das Absolute in der Anthroposophischen Meditation – EnlightenNext Radio zum Nachhören – Veränderungen bei der Goetheanum Meditation Initiative Worldwide – Arthur Zajonc Präsident des Mind&Life-Institutes – Gemeinsames Meditieren in Köln – Bericht in der Wochenschrift „Das Goetheanum“   – – –

In seinem Buch „Es gibt keinen Gott, und das bin ich!“ beschreibt Christian Grauer sein sich wandelndes Verhältnis zur Anthroposophie. Dabei begleitet ihn Heideggers Frage „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“, die durch Jahre hindurch zu einem existentiellen Erlebnis für ihn wird. „Es war mein Wunderarzt, der mich auf Jon Kabat-Zinn und dessen Meditationstechnik verwies. Die von diesem unkonventionellen amerikanischen Arzt beschriebenen Achtsamkeitsübungen verlangten von mir, etwas zu tun, was mir eigentlich bis dahin völlig unbekannt war: meine Aufmerksamkeit auf das Aufmerksam-Sein zu richten. Ich begann diese Übungen zu machen, und in dem Moment, in dem es mir gelang, in diese Achtsamkeit einzutauchen, schien die Wirklichkeit sich etwas zu entfernen, ohne dass sie sich veränderte. Es war so ähnlich wie das Aufwachen aus dem Halbschlaf, in dem sich Wahrnehmungen und Traum wild vermischen, und dann alles ruhig, klar und deutlich wird. … Und plötzlich bemerkte ich, dass diese vogelperspektivische Qualität der Achtsamkeit exakt dieselbe war, wie ich sie damals in den beschriebenen Momenten der Frage nach dem Grund des Seins erlebt hatte. Das Erstaunliche aber war, dass sie mir überhaupt keine Angst machte, sondern geradezu angenehm war! Ich erlebte sie plötzlich nicht mehr als das schwarze Nichts, in dem sich das ganze Sein der Welt auflöst, sondern als ein weißes Nichts, aus dem die ganze wunderbare Mannigfaltigkeit der Welt hervorging. … Die Begeisterung an der aus dem Nichts erstehenden Wirklichkeit hat wiederum Heidegger im Anschluss an das obige Zitat unvergleichlich treffend formuliert. Er nennt das Auftauchen dieser weitesten, tiefsten und ursprünglichsten Frage einen ‚Jubel des Herzens’, ‚weil hier alle Dinge verwandelt und wie erstmalig um uns sind, gleich als könnten wir eher fassen, dass sie nicht sind, als dass sie sind und so sind, wie sie sind.’ “ 
Getragen von Heideggers Frage und unterstützt von der Achtsamkeits-Meditation nach Jon Kabat-Zinn gewinnt Christian Grauer jene Erfahrung des „weißen Nichts, aus dem die ganze wunderbare Mannigfaltigkeit der Welt hervorging“, „jene einfache Absolutheitserfahrung, die in vielen anderen spirituellen Richtungen im Zentrum steht und als Selbstverständlichkeit betrachtet wird“, von der die Anthroposophie mit ihrer Inhaltsfülle hingegen eher ablenkt. „Doch findet sich durchaus eine Verbindung zwischen der Anthroposophie und anderen spirituellen Strömungen in der Orientierung auf ein wie auch immer beschriebenes absolutes Bewusstsein. Alles, was ich bei Kabat-Zinn, bei Tolle, bei Thich Nhat Hanh, Andrew Cohen, Sri Aurobindo, Krishnamurti und anderen Autoren über dieses Thema lese, ist im Grunde immer nur wieder ein neuer, individueller Versuch, das nicht Beschreibbare zu beschreiben. Und soweit es darum geht, reiht sich auch Steiner in diese Reihe ein, wenngleich ich die Erfahrung gemacht habe, dass seine Beschreibungen zu diesem Thema für mich äußerst wenig hilfreich waren.“ (S. 134-139 und 154-158).
Gerade für jene Erfahrung, die für die bekannten östlich orientierten Meditationspraktiken im Vordergrund steht und die dort als Atman, Nirwana, als All-Eines oder einfach als das Göttliche beschrieben wird, sind Steiners Beschreibungen wenig hilfreich – so jedenfalls Christian Grauers Erfahrung. ‚Bei Steiner habe ich das Meditieren nicht gelernt’, so hört man es aber auch immer wieder von langjährigen Anthroposophen. Die anthroposophischen Meditationen sind kompliziert und komplex, und die zugrundeliegende Absolutheitserfahrung entdeckt man in ihnen oft erst dann, wenn man sie schon woanders kennengelernt hat.

Dennoch ist das Absolute eine wichtige Kategorie für Steiner. Der er sich allerdings von unerwarteter Seite nähert.
Es beginnt mit dem Denken, mit unserem Denken, mit dem wir Unterschiede machen und Zusammenhänge herstellen zwischen der unendlichen, aber beliebigen Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen. Dass wir zwischen blau, rot und etlichen Zwischentönen unterscheiden, drängt uns nicht die Wahrnehmung auf, sondern unser Denken trifft solche Unterscheidungen und fasst sie dann unter dem Oberbegriff ‚Farbe‘ als zusammenhängend zusammen. Mit unserem Denken strukturieren wir die Welt, es ist die Grundlage jeder bewussten Erkenntnis. Was ich da als Denken zunächst als meine eigene, subjektive Tätigkeit erfahre, offenbart sich allerdings bei genauerer Betrachtung als alles andere als subjektiv. Denn ebenso wie alle anderen Unterschiede setzt das Denken auch den Unterschied zwischen Subjekt und Objekt. „Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt“, so heißt es in Steiners „Philosophie der Freiheit“ (S. 60). „Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, dass mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.“
Dieser ebenso stringente wie umwerfende Gedankengang hebt das Denken aus seiner Subjektivität hinaus und macht es zur Welttatsache. Das Denken bildet Subjekt und Objekt, und die vom Denken gebildeten Begriffe, die Unterschiede und Zusammenhänge, mit denen wir die Wirklichkeit strukturieren, sind nicht rein subjektive Repräsentationen, sondern sie gehören zur Wirklichkeit, ja, sie sind ein Teil dieser Wirklichkeit. Und wenn man diesen Gedanken ganz zu Ende denkt, dann ist es das Denken selbst, „das unsere besondere Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt. Indem … wir denken, sind wir das all-eine Wesen, das alles durchdringt. … Wir sehen in uns eine schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist.“ (S. 91) Da ist es: das Absolute, das All-Eine Wesen, das alles durchdringt. Aus dessen Zentrum heraus alles entsteht. Und an dem wir in seinen letzten Ausläufern mit unserem ganz gewöhnlichen Denken teilhaben. Dass unser Denken aber nicht in der Abstraktheit erstickt, sondern belebt und beseelt zu seinem Ursprung aufersteht und damit auch den Menschen mit dem Kosmos in Verbindung hält, ist Zentrum jeder anthroposophischen Meditation.
Von hier aus wird verständlich, warum Steiner auch für die Meditation in der Welt des Unterschiedenen ansetzt, in der das All-Eine, das Absolute aber überall anwesend ist. Im Unterschiedenen kann es dann meditativ auch als Absolutes erfahrbar werden. Meditations-Zeilen wie „Ich ruhe in der Gottheit der Welt“ oder „Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strome des Weltgeschehens“ können dieses Absolute unmittelbar vergegenwärtigen.

Die EnlightenNext-Radiosendung vom 22. März 2012, in der es im Gespräch zwischen Tom Steininger und Anna-Katharina Dehmelt – auch vor dem Hintergrund der vorigen Absätze – um das Verhältnis zwischen unmittelbar auf das Absolute gerichteten Meditationsansätzen und dem anthroposophischen Ansatz geht, kann hier nachgehört werden.

Das Projekt „Goetheanum Meditation Weltweit Initiative“ (GMW)  – Kooperationspartner des Instituts für anthroposophische Meditation – hat sich in den letzten Monaten umstrukturiert. Aus der 15köpfigen Initiativgruppe, die das Projekt 2008 begann, wurde eine fünfköpfige Kerngruppe gebildet. Das Projekt als Ganzes wird von Elizabeth Wirsching koordiniert. Sie berichtet über die Entwicklung der letzten Zeit: „In den letzten Monaten haben sich nationale Gruppen aus den skandinavischen Ländern, Frankreich, England, Österreich und Holland getroffen und Pläne für eine Weiterentwicklung besprochen. Themen sind unter anderem das Identifizieren und Verbinden von Menschen und Kursaktivitäten auf dem Gebiet der anthroposophisch orientierten Meditation sowie die Weiterentwicklung, Erforschung und Vertiefung der Meditationspraxis und entsprechender Fähigkeiten zur Leitung von Kursen und die Erforschung von neuen Anwendungen meditativer Praxis. Wir suchen auch geeignete Formen für eine vertiefende Forschung und Publikation auf diesem Gebiet.
Seit Beginn des Jahres gibt es einen Korrespondenzbrief für die 80 Teilnehmer des weltweiten Netzwerkes, in dem Berichte, Informationen, Artikel, Austausch und Neuigkeiten erscheinen. Ein nächstes Treffen des Netzwerkes ist vorläufig für Sommer 2013 vorgesehen.
GMW hat eine Kerngruppe, die bis 2013 die Verantwortung trägt: Arthur Zajonc (USA), Robin Schmidt (Goetheanum), Elizabeth Wirsching (Norwegen), Ron Dunselman (Holland) und Bodo von Plato (Goetheanum). Ron Dunselman und Elizabeth Wirsching bilden ein Beratungsteam und Elizabeth Wirsching hat die Koordination und ist verantwortlich für die Website und den Korrespondenzbrief.“

Seit Januar 2012 ist Arthur Zajonc – Autor des Buchs „Aufbruch ins Unerwartete. Meditation als Erkenntnisweg“ und Mitinitiator der Goetheanum Meditation Worldwide Initiative – Präsident des Mind & Life Institutes. Das Mind & Life Institut ist hierzulande vor allem durch die Dialoge zwischen Wissenschaftlern und dem Dalai Lama bekannt und sieht seine Hauptaufgabe in der Verbindung zwischen Wissenschaft und Kontemplation bzw. Meditation. Arthur Zajonc ist emeritierter Professor für Physik am Amherst College und Spezialist für Quantenoptik, woraus das schöne Buch „Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein“ (heute „Lichtfänger“) hervorgegangen ist. Als Leiter des Center for Contemplative Mind hat er sich in den vergangenen Jahren wirkungsvoll für die Einbeziehung von Meditation und Kontemplation in Ausbildung und Studium eingesetzt. 

Ab 20. April gibt es einmal im Monat in Köln die Gelegenheit, mit Anna-Katharina Dehmelt die anthroposophische Meditation kennenzulernen, gemeinsam zu meditieren, Fragen zu besprechen und die eigene Praxis aufzufrischen. Einzelheiten siehe hier.

In der Wochenschrift „Das Goetheanum“ gab es am 10. März 2012 einen schönen Artikel von Jonas von der Gathen über das Institut für anthroposophische Meditation. Er attestiert dem Institut „spirituelle Gastfreundschaft“, stellt aber auch die für die Leserschaft des „Goetheanum“ sicherlich nicht unbedeutende Frage: „Hilft es nun, ein intimes Feld wie die Meditation in diese größte Öffentlichkeit zu stellen, veräußert sich dadurch nicht gerade etwas vom Wertvollsten, das an Esoterik noch bleibt?“

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Kommentare

  • Liebe Frau Dehmelt,
    aufschlussreich und informativ, dieser Newsletter. Danke!
    Für mich war es eine Hilfe, das Wort „Denken“ bei Rudolf Steiner mal mit Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, awareness, Bewusstsein usw. zu ersetzen. Georg Kühlewinds Anleitungen, z.B. in „Aufmersamkeit und Hingabe“ aber auch „Licht und Freiheit“ sind diesbezüglich Kostbarkeiten!
    Gute Fortsetzung und ein lichtvolles Osterfest wünscht Ihnen
    Ihr Christiaan Struelens